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84 Charing Cross Road

Noch nie war es so einfach im Ausland einzukaufen wie heute. Die italienischen Schuhe und der schicke, nur in den Staaten erhältliche Nagellack sind heute keinen Shoppingtrip sondern nur noch wenige Onlineminuten von uns entfernt: Ich klicke ein paar Mal, fülle zwei, drei Formulare aus und schon war ich am anderen Ende der Welt einkaufen, ohne auch nur das Haus verlassen zu haben.

Ende der Vierziger war das noch anders. Damals hätte ich wenigstens zum Briefkasten gehen müssen, um meine Anfrage zu verschicken. Jedenfalls ist das der Weg, den Helene Hanff, „a poor writer with an antiquarian taste in books“ (S. 1), beschreitet, um sich ihre literarisch-antiquarischen Wünsche zu erfüllen. „[A]ll the things I want are impossible to get over here except in very expensive rare editions, or in Barnes & Noble’s grimy, marked-up school-boy copies”, wendet sie sich hilfesuchend an das Antiquariat Marks & Co in London. “I enclose a list of my most pressing problems. If you have clean secondhand copies of any of the books on the list, for no than $5.00 each, will you consider this a purchase order and send them to me?” (S. 1), schreibt die in New York lebende Helene in ihrem ersten Brief an das Antiquariat – und hat Erfolg. Denn nur drei Wochen später erhält sie eine Büchersendung sowie einen beigelegten Brief von Frank Doel, dem Chief Buyer von Marks & Co, der sich fortan um jede von Helenes Bestellungen kümmern wird – und das etwa zwanzig Jahre lang.

Wie aus dieser Geschäftsbeziehung nach und nach eine Freundschaft wird, lässt sich anhand der kurzen Briefe, die Frank und Helene immer wieder austauschen, wunderbar nachempfinden. Obwohl die wachsende Vertraulichkeit nur selten ausdrücklich thematisiert wird (z.B. durch die Bitte, eine andere Anrede zu verwenden), hat man stets das Gefühl Zeuge einer Entwicklung zu sein. Diese vollzieht sich zwar nur sehr langsam, ist aber meines Erachtens in jedem Brief festzustellen.

Ähnlich verhält es sich mit den Personen, denen man in 84 Charing Cross Road begegnet: Aus Unbekannten werden  dank nur weniger Sätze Menschen aus Fleisch und Blut, die einem zunehmend ans Herz wachsen. Der literarische Vorschlaghammer bleibt dabei stets außen vor. Was wir über die Personen erfahren, geschieht nahezu ausschließlich mit Hilfe indirekter Charakterisierungen. Nirgendwo steht „Ich bin höflich“ oder „Ungeduld war schon immer eine Schwäche von mir“. Fast alles, was wir zu wissen glauben, sind Annahmen, die auf Basis der kurzen Briefe getroffen werden können. Freunde von blumigen Beschreibungen sollten sich daher zwei Mal überlegen, ob sie 84 Charing Cross Road lesen möchten; das Buch könnte sie möglicherweise enttäuschen.

Der Briefwechsel, den Helene Hanff dokumentiert, fand übrigens tatsächlich statt. Sowohl die Buchhandlung Marks & Co als auch ihre Angestellten existier(t)en, sodass 84 Charing Cross Road auch als Zeitdokument gelesen werden kann. Wer aufmerksam ist, wird bei der Lektüre nämlich bald feststellen, dass Nachkriegszeit nicht gleich Nachkriegszeit ist und die Begriffe „Sieger“ und „Gewinner“ nicht immer gleichbedeutend sind.

Das Sequel The Duchess of Bloomsbury Street ist zeitlich etwa drei Jahre nach seinem Vorgänger angesiedelt. Helene, die durch ihren Roman 84 Charing Cross Road zu einer kleinen Berühmtheit avanciert ist, reist darin nach London, um die Stadt ihrer Träume zum ersten Mal zu besichtigen und einigen Menschen einen Besuch abzustatten. Aus Gründen, die ich hier nicht verraten kann (ihr wisst schon – Spoilergefahr und so), liest sich das allerdings eher langweilig und unspektakulär. Ein Diner hier, eine Theateraufführung dort und zwischendurch ein bisschen Sightseeing. Mehr ist es nicht, was in diesem Buch steht. Ehrlich nicht! Wäre Helene nicht eine so selbstironische und lustige Erzählerin, hätte ich das Sequel vermutlich sogar abgebrochen.  So aber hielt ich bis zum bitteren Ende durch und habe dennoch keinen Mehrwert, da ich bereits die Hälfte der Duchess of Bloomsbury Street vergessen habe. Schade eigentlich!

 

Helene Hanff: 84 Charing Cross Road. Sphere, London 1982. 240 Seiten, Taschenbuch, 7,99€.

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