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Das Kartengeheimnis

Man nehme:

– ein altkluges Kind, das kurz vor der Pubertät steht (ersatzweise: ein Jugendlicher mit der gleichen Eigenschaft)
– ein (warum auch immer) fehlendes Elternteil
– mysteriöse Briefe und Mitteilungen
– eine Suche/Schnipseljagd, die mit eben diesen Briefen und/oder dem fehlenden Elternteil zusammenhängt
– philosophisches Gesülze über den großen Zufall, der sich unser Leben schimpft

Nun die fünf Zutaten gründlich miteinander verrühren. Den Text kneten und eine Stunde lang kaltstellen. Danach bei 200° backen, bis der Text goldbraun ist. Et voilà! – fertig ist ein Roman im Stil von Jostein Gaarder! Oder besser: Fertig ist meine bisherige Gaarder-Erfahrung.

Das Kartengeheimnis stellt da leider keine Ausnahme dar; sobald ich mir die Details wegdenke, entdecke ich ein ähnliches Konstrukt wie auch schon bei Sophies Welt und Das Orangenmädchen. Das altkluge Kind heißt dieses Mal jedoch nicht Sophie sondern Hans-Thomas und es ist auf der Suche nach seiner Mutter Anita, die vor Jahren die Familie verlassen hat, um sich selbst zu finden. Gemeinsam mit seinem Vater, der dem Alkohol sehr zugeneigt ist, möchte Hans-Thomas sie nun zurückholen und fährt dafür quer durch Europa bis nach Griechenland. Natürlich verläuft diese Reise nicht ganz zwischenfallsfrei! Als die beiden auf Höhe der deutsch-schweizerischen Grenze nach dem Weg fragen müssen, begegnen Hans-Thomas und sein Vater einem merkwürdigen kleinen Männlein mit eiskalten Händen. Der Zwerg spricht nur deutsch. Aber da der Vater als Kind eines deutschen Besatzers auch deutsch beherrscht, kann er übersetzen und erhält nicht nur eine Wegbeschreibung („Der kleine Mann empfahl uns, in einem kleinen Ort namens Dorf zu übernachten.“) sondern auch eine winzige Lupe für Hans-Thomas.

„Nimm die“, piepste er. (Mein Vater übersetzte.) „Ich habe sie vor langer Zeit aus einem alten Stück Glas geschliffen, das ich im Magen eines waidwunden Rehs gefunden habe. Du wirst in Dorf Verwendung dafür finden, o ja, das sag ich dir, Junge. Denn eines steht fest: Sowie ich dich gesehen habe, ging mir auf, daß du auf deiner Reise Verwendung für eine kleine Lupe haben wirst.“ (S.20)
Und was passiert? Na? Richtig!
Der Zwerg behält mit seiner Prophezeiung natürlich recht. In Dorf trifft Hans-Thomas nämlich auf einen alten Bäcker, der ihm vier Rosinenbrötchen schenkt. Das größte von ihnen verbirgt jedoch etwas Besonderes, ein kleines Buch, dessen Schrift so winzig ist, dass sie nur mit einer Lupe gelesen werden kann… Keine Frage: Hans-Thomas stürzt sich sofort auf das Buch und beginnt es in unbeobachteten Momenten heimlich zu lesen. Sein Vater darf nichts davon erfahren; das hat Hans-Thomas dem Bäcker versprochen. Und während Vater und Sohn Griechenland und der vermissten Mutter immer näher kommen, entspinnt sich vor Hans-Thomas’ innerem Auge die Geschichte des Brötchen-Buches, das, wie er bald erfährt, von „seinem“ Schweizer Bäcker geschrieben wurde.

Zu erklären, wovon das Brötchen-Buch handelt, wäre ein wenig umständlich. Da es eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte ist, kann man das Ganze leider nicht in ein, zwei Sätzen abhandeln, wie ihr mit Sichereit verstehen werdet. Gesagt sei daher nur folgendes: Das Brötchen-Buch führt Hans-Thomas auf eine einsame Insel, die von schillernden Goldfischen, bizarren sechsbeinigen Wesen und zwergenartigen Spielkartenmenschen, die einem großen Fest entgegenfiebern, bevölkert wird. Außerdem erfährt der Junge, was dieses eigentümliche Eiland mit „seiner“ Schweizer Bäckerei und auch ihm selbst zutun hat.
Aber bis Hans-Thomas diesen Punkt erreicht, vergeht sehr, sehr viel Zeit. Ich will fast sagen: zu viel. Die 339 Seiten ziehen sich nämlich wie Kaugummi dahin. Bereits nach der Hälfte des Buches lässt sich wahrscheinlich auch ohne Gaarder-Erfahrung problemlos erraten, wie sich der Plot entwickeln wird. Überraschungen oder unerwartete Wendungen suche ich vergebens und letztendlich endet Das Kartengeheimnis genauso, wie ich es erwartet habe. Dass das nur wenig Spaß macht, muss ich vermutlich nicht extra dazusagen…

Wenig Spaß machen auch Hans-Thomas und sein Vater. Sie sind, um es mit einem Wort zu sagen, hochgradig nervtötend, da sie sich ihrer selbst in einem Maße bewusst sind, dass es nur noch zum Kotzen ist. Immer wieder betonen sie, wie besonders sie doch seien, da sie im Gegensatz zu anderen Menschen ja wüssten, welch großer Zufall es sei, dass sie am Leben sind. Die beiden philosophieren und philosophieren, ohne dabei besonders viel auszusagen. Das hält sie jedoch nicht davon ab, sich etwas auf ihren Intellekt einzubilden. Insbesondere Hans-Thomas scheint immer wieder den Drang zu verspüren, anderen demonstrieren zu müssen, dass er kein kleiner Junge mehr ist. Neunmalklug, wie er ist, belehrt er Erwachsene und weckt in mir ständig den Drang, ihn einmal kräftig durchzuschütteln, damit sein Gehirn endlich dort landet, wo es eigentlich hingehört.
Brechreiz erregender als Hans-Thomas gestaltet sich bloß die Entwicklung seines Vaters. Auf wenigen Seiten verwandelt er sich vom Alkoholiker zum fürsorglichen Ehemann und Familienvater – also, ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber ich finde, dass der Mann dringend einen Ratgeber schreiben sollte. Die Anonymen Alkoholiker fänden es mit Sicherheit klasse, wenn sie wüssten, wie man „einfach so“ mit dem Trinken aufhört.

Kurzum: Das Kartengeheimnis ist schnarchlangweilig, dumm und nicht weiter lesenswert, vor allem dann, wenn man bereits ein, zwei andere Bücher von Jostein Gaarder gelesen hat. Weil ich meine Zeit durchaus sinnvoller zu nutzen weiß, als zum x-ten Mal dasselbe Buch zu lesen, war das jedenfalls fürs Erste das letzte Machwerk, das ich von diesem Autor gelesen habe. Schade eigentlich! Mein erster Eindruck von Gaarder war nämlich eigentlich äußerst positiv.

Jostein Gaarder: Das Kartengeheimnis. dtv, München 1998. 352 Seiten, Taschenbuch, 9,90€.

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