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Der Raub der Europa

„Der Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc zählt zu meinen absoluten Lieblingsgemälden. Ich mag die Komposition und die Farben und würde mir aus diesem Grund gerne einen Kunstdruck über mein Bett hängen, um den „Turm“ auch im Alltag häufig betrachten zu können. Dabei kann ich mit Pferden eigentlich nicht allzu viel anfangen. Auch einen Museumsbesuch, um das Marcsche Gemälde einmal live und in 3D zu bewundern, fände ich sehr schön. Doch im Gegensatz zum Kunstdruck wird dieser Wunsch zumindest in der nahen Zukunft nicht erfüllbar sein. Denn „Der Turm der blauen Pferde“ gilt seit dem Ende des 2. Weltkriegs als verschollen.

Leider befindet sich das Gemälde in guter Gesellschaft. Die Verwerfungen, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg in der Kunstwelt verursachten, sind so schwerwiegend, dass sie bis in die heutige Zeit vorwirken. Viele Kunstwerke verschwanden oder wurden zerstört. Andere nahm man ihren rechtmäßigen Besitzern einfach weg, um die eigenen Sammlungen zu vervollständigen.

Das 1994 erschienene Buch Der Raub der Europa von Lynn H. Nicholas arbeitet diese Umwälzungen auf dem Kunstmarkt während des Nationalsozialismus systematisch auf. Beginnend mit der Machtergreifung arbeitet sich Lynn Nicholas chronologisch durch die Kunstpolitik der Nazis sowie die der Alliierten und beschreibt minutiös, wie die Nationalsozialisten – und hier allen voran Adolf Hitler und Hermann Göring – sich einen Großteil des europäischen Kulturschatzes unter den Nagel rissen, indem sie Beschlagnahmungen oder Diebstähle befahlen oder auf dem freien Kunstmarkt aberwitzige Geschäfte tätigten. Offiziell beschränkte sich die Sammelwut jedoch auf die alten Meister und gut bürgerliche Malerei aus dem 19. Jahrhundert. Ein Großteil der Kunst, die Ende des 19. Jahrhunderts oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, wurde dagegen als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt und in einer gleichnamigen Ausstellung der Lächerlichkeit preisgegeben oder im Ausland versteigert, um auf diese Weise an Devisen zu gelangen.

Die Kunstmärkte erlebten damals eine Blütezeit. Nicht nur die „Entartete Kunst“ sondern auch Kunstwerke aus dem Besitz von Privatleuten, die sich gezwungen sahen, ihr Vermögen zu liquidieren, fanden durch die Politik der Nazis ihren Weg auf den freien Markt. Gemälde und Kunstgegenstände, die zu Friedenszeiten unverkäuflich gewesen wären, zierten nun plötzlich die Galerien berühmter Kunsthändler und standen zum Verkauf, was nicht wenige Wohlhabende trotz der zwielichtigen Umstände in Versuchung führte.

Wie sich die Alliierten verhielten, erfährt der interessierte Leser dann in der zweiten Hälfte des Buches. Da sich die Alliierten weder auf eine einheitliche Besatzungspolitik noch auf ein gemeinsames Verfahren für die Kulturgegenstände der Deutschen einigen konnten, würde es jedoch den Rahmen sprengen, das Vorgehen der Siegermächte zusammenzufassen. Kunst- und Geschichtsinteressierte, die diesem Thema auf den Grund gehen möchte, möchte ich die entsprechenden Kapitel in Der Raub der Europa sehr ans Herz legen – vorausgesetzt sie haben die Zeit dafür.

Denn Zeit sollte man, wenn man Raub der Europa lesen möchte, schon mitbringen. Mit fast 600 verhältnismäßig eng bedruckten Seiten Text ist es mit Sicherheit keine Lektüre für Zwischendurch. Ein unbekannter Name reiht sich an den nächsten. Man braucht daher Geduld und Konzentration, um den Schilderungen folgen zu können. Oder einen Stift und Papier, um sich Notizen zu machen.

Obwohl Detailreichtum in einem Sachbuch in der Regel eine positive Sache ist, finde ich ihn in diesem Buch eher störend. Für einen interessierten Laien wie mich sind manche Fakten schlichtweg unerheblich und verschleiern den Blick auf das Wesentliche. Auch wirkt sich die Informationsflut negativ auf den Lesefluss aus; ich z.B. habe für das Buch fast drei Monate gebraucht – und das obwohl Lynn Nicholas sehr angenehm und unaufgeregt schreibt, sodass man ihr mit Sicherheit gut folgen könnte, wenn da nicht die ganzen Namen und Zahlen wären.

Über das wichtigste Kriterium für ein Sachbuch, nämlich die Richtigkeit der Fakten, kann ich mir selbstverständlich kein Urteil bilden. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Der Raub der Europa sehr gründlich erarbeitet worden ist. Der oben bereits genannte Detailreichtum und die Einbettung in den historischen Kontext sprechen eindeutig dafür, dass Lynn Nicholas bei der Recherche und Ausformulierung sauber gearbeitet hat. Sie erklärt sehr präzise und schlägt gekonnt Brücken zu anderen Bereichen, die ihr Thema, die Kunstpolitik, tangieren. Dadurch entsteht ein sehr breites und differenziertes Bild der damaligen Situation, das Kenner und Interessierte gleichermaßen ansprechen wird. Für diejenigen, die sich lediglich einen Überblick über die Thematik verschaffen wollen, ist Der Raub der Europa hingegen nicht geeignet, da das Buch, wie bereits erwähnt, viel zu informationsreich ist und den Ansprüchen, die die meisten Einsteiger haben werden, dadurch nicht gerecht werden kann.

Lynn H. Nicholas: Der Raub der Europa. Kindler, München 1995. 640 Seiten, gebunden. Nur gebraucht erhältlich.

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