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Der Tod des Teemeisters

Einer der Gründe, wieso ich auf Gretchenfrage keine Klappentexte poste, ist, dass sie oft missverständlich formuliert sind und falsche Erwartungen wecken. Eine Rezension wie diese könnte darauf zwar aufmerksam machen. Aber sind wir doch mal ehrlich: Rezensionen werden in erster Linie von den Menschen gelesen, die das Buch bereits gelesen und sich eine eigene ­Meinung gebildet haben. Ob ich auf einen fehlerhaften Klappentext hinweise oder nicht, spielt also mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt keine Rolle.

Heute möchte ich jedoch eine Ausnahme machen und meiner Rezension den Klappentext des Romans Der Tod des Teemeisters voranstellen. Auf der Rückseite des Romans heißt es nämlich:

„Japan im Zeitalter der Samurai: auf Befehl des Kriegsherrn Hideyoshi begeht der berühmte Teemeister Sen no Rikyu Selbstmord. Sein Schüler, der Mönch Honkaku, forscht nach den Gründen für den geheimnisumwitterten Tod und deckt Intrigen und geheime Machenschaften auf.“

Ich frage euch: Was erwartet ihr, wenn ihr einen solchen Klappentext lest? Welchem Genre gehört solch ein Roman eurer Meinung nach an?

Ich vermutete beispielsweise eine Erzählung, deren Handlung mit ein, zwei Elementen aus dem Kriminalroman verwoben worden ist. „forscht nach den Gründen (…) und deckt Intrigen und geheime Machenschaften auf“ deutet nämlich meines Erachtens in die Richtung des Genres „Kriminalroman“, während die Seitenzahl eher für eine Erzählung spricht. Aber denkste, Puppe! Die Erzählung mag, auch wenn der Verlag den Tod des Teemeisters als Roman verkauft, ja noch hinhauen. Den Krimi sucht man jedoch vergeblich.

Der Tod des Teemeisters ist in Wahrheit nämlich eine Hymne auf die japanische Teezeremonie. Nicht das Erzählen einer Geschichte, sondern die Ästhetik und Ethik dieser Tradition steht hier im Vordergrund. Sie prägt die Dialoge, die Sprache, die Struktur. Kurzum: einfach alles. Die Teezeremonie fließt durch die gesamte Erzählung und umspült jedes Wort. Yasushi Inoue (und seine Übersetzerin Frau Gräfe ;)) verstehen ihr Handwerk. Doch wenn man als Leser auf einen Krimi wartet, weil der Klappentext eine solche Handlung impliziert, fällt es schwer, diese Sprachgewandtheit von Anfang an zu schätzen. Denn in der Regel liest man einen Krimi wegen seines Plots und nicht wegen der Kunstfertigkeit des Autors.

Löst man sich schließlich von der falschen Erwartungshaltung, erhält man einen faszinierenden Einblick in das Japan des 16. Jahrhunderts. Die Welt, die sich einem eröffnet, liegt geistig meilenweit entfernt von unserer Gesellschaft oder Hollywood-Filmen wie The Last Samurai, weshalb die Lektüre ein wenig Einfühlungsvermögen und Toleranz gegenüber fremden Weltanschauungen erfordert. Doch ich denke, die Auseinandersetzung lohnt sich – sofern man sich von der ersten Seite an darauf konzentrieren kann.

Ich habe den Tod des Teemeisters aus diesem Grund nicht sehr genießen können. Als mir irgendwann dämmerte, dass die Erzählung auf etwas ganz anderes hinausläuft, lag das erste Drittel des Textes bereits hinter mir und das Kind war in den Brunnen gefallen. Da ich auf den ersten fünfzig Seiten auf anderes geachtet habe, entgingen mir einige wesentliche Dinge, sodass ich den Gesprächen über die Teezeremonie und den Suizid des Teemeisters Sen no Rikyu, die zwischen dem Mönch Honkaku und früheren Weggefährten von Rikyu stattfinden, nur mit Mühe oder sogar gar nicht folgen konnte.

Schade drum. Ich hätte das Buch gerne von Anfang unter den richtigen Vorzeichen gelesen. Denn gerade weil die Erzählung keiner Handlung hinterhetzt und durch ihre innere Ruhe und Schönheit glänzen darf, hätte es eine sehr interessante Lektüre werden können.

Yasushi Inoue: Der Tod des Teemeisters. Suhrkamp, Berlin 2008. 168 Seiten, Taschenbuch, 7,99€.

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