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Der weiße Neger Wumbaba

Zuhören ist gar nicht so einfach, wie man gemeinhin denkt. Die Lauscher aufzusperren reicht oft nicht aus, um den Sinn eines gehörten Textes zu erschließen. Denn der Weg vom Sender in die Hörzentren des Großhirns ist lang und nicht jedes Wort übersteht ihn unbeschadet. Der Kontext vermag zwar manchen Verhörer aufzufangen. Aber trotz Netz und doppeltem Boden gehen ständig Worte flöten und werden von unserem Gehirn durch neue, nicht immer sinnvolle Formulierungen ersetzt, ohne dass wir etwas davon bemerken.

Wer das Büchlein Der weiße Neger Wumbaba kennt, wird sagen: Zum Glück! Denn obwohl mit dem Verhörer die ursprüngliche Botschaft verschütt geht, verlieren nur wenige Texte ihren Charme. Das unerwartete Moment, das durch den Bedeutungswechsel entsteht, verleiht ihnen oft sogar die Schönheit des Absurden oder Komischen, die dem ursprünglichen Text abging. Man denke da nur an den Neger Wumbaba, der für das Buch Pate stand: Seine Geburtsstätte  ist Matthias Claudius‘ Abendlied, ein Gedicht, dessen Vertonung vermutlich jedes Kind kennt. Das Abendlied ist ganz hübsch, aber letztendlich doch sehr schlicht und gewöhnlich, finde ich. Wenn der weiße Nebel am Ende der ersten Strophe wunderbar aus den Wiesen steigt, dann klingt das recht nett. Aber es ist austauschbar. Die Szenerie kennen wir bereits zur Genüge aus Filmen, Büchern und Gemälden. Sie vorzustellen kostet uns daher keine Kraft, da sie in unserem Kopf bereits existiert. Doch wenn „aus den Wiesen steiget / Der weiße Neger Wumbaba“ können wir auf solche Muster nicht länger zurückgreifen. Das Bild, das durch den Verhörer entsteht, muss neu gedacht werden und ist – nicht zuletzt wegen des politisch inkorrekten Oxymoron – ungewöhnlich.

Der weiße Neger Wumbaba ist jedoch weitaus mehr als eine lustig-süffige Ansammlung von Verhörern. Die akustischen Ausfälle, die der Autor Axel Hacke aufzählt, werden in mehreren kurzweiligen Kapiteln jeweils einem Oberthema  (z.B. Verhören in der Fremdsprache) zugeordnet und entwickeln so einen Witz, der  über das „Hihi, wie kommt man denn darauf?“ einer schnöden Liste hinausgeht. Einige Beispiele, die nur schwer nachvollziehbar sind, können einem daher trotzdem ein Lächeln entlocken.

Manche Beispiele sind jedoch auch dadurch nicht mehr zu retten. Sie sind so absurd, dass ihre Existenz nur durch mutwilliges Verhören erklärt werden kann, was den Sinn des „Kleinen Handbuch des Verhörens“ gewissermaßen ad absurdum führt. Besonders sauer stößt einem das allerdings erst dann auf, wenn der jeweilige Verhörer dazu benutzt wird, um das Thema des jeweiligen Kapitels zu illustrieren. Es wirkt dadurch so, als hätte man erst das Konzept des Buches aufgestellt und danach nach Beispielen gesucht – und wenn man mal keines fand, benutzte man eben den nächstbesten Verhörer, ganz egal, wie bescheuert er auch sein mag. Die betroffenen Kapitel sind dadurch eher langatmig, was ich aufgrund der geringen Länge von Wumbaba schwierig finde. Die Unterhaltung, die die übrigen Kapitel bieten, leidet daher ein wenig, weil die Erinnerung an die an den Haaren herbeigezogenen Beispiele noch zu präsent ist. Wie sollte es auch anders sein, hat das Buch doch nur 64 Seiten…

Die halbe Stunde, die ich während einer Zugfahrt mit dem weißen Neger Wumbaba verbracht habe, war dennoch gut angelegt. Dass einige Kapitel nicht ganz so stark sind, ist schade. Aber es ändert nur wenig daran, dass ich mich gut unterhalten gefühlt habe und die Zeit wie im Flug verging. Und das ist doch schon einmal etwas, oder?

Axel Hacke: Der weiße Neger Wumbaba. Verlag Antje Kunstmann, München 2008. 64 Seiten, gebunden, 9,90€.

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