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Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Warum wird ein Mensch zum Erzähler? Passiert das einfach so nebenbei oder gibt es Schlüsselerlebnisse, die einen Menschen der Literatur quasi in die Arme treiben? Eine pauschale Antwort auf diese Frage kann es vermutlich nicht geben. Wer jedoch eine sehr schöne (und gleichzeitig lehrreiche) Erklärung lesen möchte, dem lege ich Rafik Schamis Buch Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte ans Herz.

Auf 176 Seiten rekonstruiert Schami hier seinen erzählerischen Werdegang, der im Damaskus der 50er Jahre seinen Anfang nimmt, als Schami, damals ein Junge von sieben Jahren, beobachtet, wie eine Frau ihren schweigsamen Mann auf dem Flohmarkt verkauft. Obwohl er nur bedingt versteht, was passiert ist, beschließt er als Reaktion auf den ungeheuerlichen Vorfall, seinen Frauen immer Geschichten zu erzählen, sodass sie ihn nicht verkaufen. Doch natürlich reicht es nicht, Geschichten einfach nur zu erzählen. Sie müssen darüber hinaus auch gut erzählt sein, um die Zuhörer gefangenen zu nehmen und mitzureißen. So wie beispielsweise die Geschichte vom verliebten Dschinn, der Schami, während er krank das Bett hütete, gelauscht haben will.

Der gelungene Rückblick auf Schamis Werdegang als Erzähler wird ergänzt durch Exkurse zu den Themen Märchen und Mündlichkeit. Sie zu lesen lohnt sich nicht unbedingt der dargebotenen Informationen wegen. Bei Interesse ließen sich diese schließlich in jedem besseren Sachbuch nachlesen. Nein: Was die beiden Exkurse interessant macht, sind die Überlegungen und Beobachtungen, die der Autor zu den beiden Themen gemacht hat. Sie bereichern die Fakten und wirken im Gegensatz zu den konstruierten und angelesenen Beispielen, die man in Universitätsvorlesungen oft zu hören bekommt, authentisch, da sie Schami oft aus seinen eigenen Erlebnissen ableitet.

Aus diesem Grund hätte der Abschnitt, der das gesprochene Wort behandelt, auch eigentlich einer der stärksten des gesamten Textes sein müssen. Dem ist aber leider nicht so, da dieser Text ursprünglich an Zuhörer, nicht aber an Leser gerichtet war. Manche rhetorischen Kniffe, die erzählt mit Sicherheit gut funktionieren, können auf dem Papier nicht überzeugen und ziehen den Text stellenweise fast ins Lächerliche. Vor allem die Unterbrechungen durch den tapferen Ritter Don Quijote und den Wissenschaftler Ibn Aristo verlieren niedergeschrieben ihren Reiz. Sie wirken hölzern und stören den Lesefluss.

Im letzten Kapitel Großvaters Brille gewinnt der Text dann aber Gott sei Dank wieder an Fahrt – was jedoch nicht weiter verwundert. Denn der Autor führt uns wieder zurück in seine Kindheit, was ihm Gelegenheit verschafft, noch einmal aufzutrumpfen. Dass Schami erzählen kann, merkt man eigentlich auf jeder Seite dieses ungewöhnlichen Textes. Doch nirgendwo spürt man es so deutlich wie in den Erinnerungen an seine Kindheit. Er lässt Menschen und Orte mit Hilfe weniger treffender Worte vor dem inneren Auge auferstehen und macht seinen Lesern so das Fremde rasch vertraut. Ein Syrien, das so verschieden ist von jenem, das wir aus den Nachrichten kennen, erwacht durch ihn zu neuem Leben und zieht einen unweigerlich in seinen Bann. Und das allein durch die Macht der Worte.

Zugegeben: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte ist mit Sicherheit kein Meilenstein der deutschen Literaturgeschichte. Der Text beweist jedoch, dass Schami den Weg, den er beschritten hat, zu Recht gewählt hat. Denn Erzählen kann er wie nur wenig andere deutsche Schriftsteller.

Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte. dtv, München 2012. 176 Seiten, Taschenbuch, 8,9o€.

 

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