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Die Mandel

Hielte ich jedes Mal, wenn ich nichts Nettes zu sagen habe, den Mund, dann bestünde diese Rezension nur aus einem einzigen Satz. Dieser lautete: Solange das Buch um die Themen Brautwerbung, Heirat und Flucht kreiste, habe ich es recht gerne gelesen.

Und der Rest wäre Schweigen.

Aber so einfach ist das natürlich nicht. Gretchenfrage möchte schließlich mit Inhalten gefüllt werden und das bedeutet wiederum, dass ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen werde, auch wenn ich finde, dass jedes Wort über Die Mandel ein verschwendetes ist. Ihr merkt schon: Ich habe das Buch nicht sehr gemocht. Zu schreiben, dass ich es gehasst habe, wäre vermutlich sogar noch treffender – was schade ist. Denn eigentlich fängt Die Mandel ganz passabel an.

Badra, eine junge Muslima, flieht vor ihrer glücklosen arrangierten Ehe nach Tanger zu ihrer Tante Selma. Befreit von den Fesseln, die ihr Familie und Gesellschaft auferlegt haben, stürzt sie sich Hals über Kopf in eine Affäre mit dem Arzt Driss und erfährt durch ihn, dass Sex weitaus mehr sein kann als das, was sie durch ihren Ehemann erfahren, ja, sogar erleiden musste. Es kommt schließlich, wie es kommen muss: Badra verfällt Driss mit Haut und Haaren. Der Sex mit ihm (der Begriff Fick wäre möglicherweise treffender) macht sie nahezu süchtig; sie kann einfach nicht genug kriegen und gibt sich ihm bei jeder Gelegenheit hin.

Ich als Leser hatte dagegen sehr schnell die Nase voll. Abgesehen davon, dass ich von der Mandel etwas anderes erwartet habe, ist der Sex einfach grottenschlecht geschrieben. Jeder zweitklassige Fanfiction-Autor weiß mittlerweile, dass glühende Lanze, Lustgrotte und Zauberstab nicht unbedingt die besten Umschreibungen sind, wenn man stimmungsvolle Erotik produzieren möchte. Nur der Autorin und/oder der Übersetzerin hat das scheinbar noch niemand mitgeteilt und so wimmelt es im Text nur so von phallusartigen Gebrauchsgegenständen, die das (was Synonyme anbelangt) überaus wandlungsfähige weibliche Geschlecht penetrieren. Es kann natürlich an mir und meinen Vorlieben liegen, aber sexy ist das meines Erachtens nicht. Und das bedeutet: Thema verfehlt.

Auch das, was der Klappentext verspricht, kann Die Mandel nicht halten. Badra mag sich zwar aus ihrer lieblosen Ehe befreit haben. Doch emanzipiert ist sie deswegen noch lange nicht. Tatsächlich rutscht sie lediglich von einer Abhängigkeit in die nächste und wird von Driss genauso wenig respektiert wie von ihrem Ehemann. Der einzige Unterschied ist, dass ihr Ex-Mann in ihr eine Art Brutkasten gesehen hat. Für Driss ist Badra auch jenseits ihrer Schäferstündchen „das Möschen“, das er sich zu einer passablen Gefährtin heranzieht. Inwieweit das einen Fortschritt darstellen soll, kann ich, um ehrlich zu sein, nicht nachvollziehen. Mich hat es auf jeden Fall verdammt angewidert, nicht zuletzt weil diese neue Abhängigkeit meines Erachtens als „weniger schlimm“ dargestellt wird.

Die gelungeneren Passagen, die sich mit Badras Zwangsverheiratung befassen, können die offensichtlichen Mängel leider nicht ausgleichen und töten jegliche Lust aufs Weiterlesen. Es gibt zudem nichts, aber auch gar nichts, woran man sich als Leser festhalten kann: Die Protagonisten sind unsympathisch, die Charakterentwicklung fehlt beinahe vollständig und der Sex ist lächerlich. Im Prinzip also ein Fail auf ganzer Linie.

Geschmäcker sind natürlich und Gott sei Dank verschieden. Doch ich würde euch dringend raten, euch drei Mal zu überlegen, ob ihr eure Zeit an dieses nichtssagende Buch verschwenden wollt. Es gibt da draußen weitaus bessere Bücher, die euer Engagement eher verdient hätten.

Nedjma: Die Mandel. Droemer, München 2005. 255 Seiten, gebunden. Die gebundene Ausgabe ist vergriffen. Das Taschenbuch erschien 2011 im Knaur-Verlag.

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