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Es wird mir fehlen, das Leben

Ruth Picardie starb 1997 an Krebs. Sie wurde nur 33 Jahre alt und hinterlässt einen Mann und zwei Kinder.

Es wird mir fehlen, das Leben zeugt von ihrem verbissenen Kampf gegen den Brustkrebs, den sie leider nur ein Jahr nach der Diagnose verlor. In Briefen an ihre Freunde sowie ihrer Kolumne Before I Say Goodbye, die sie, die leidenschaftliche Journalistin, für den Observer schrieb, schilderte sie auf ihre ganz eigene Art und Weise ihre Erfahrungen und Gedanken. Nur selten um die richtigen Worte verlegen griff sie scheinbar jedes Thema, das ihr durch den Kopf ging, auf, ganz gleich, ob das nun ihr aufgedunsener Körper oder der nahende Tod war.

Ruth bäumte sich gegen den Brustkrebs auf und versuchte ihrem Leben, möglichst viel Zeit abzutrotzen. Auch wenn sie sehr bald erfahren musste, wie aussichtslos ihr Kampf war, steckte sie nicht den Kopf in den Sand, sondern stellte sich ihm mit viel Galgenhumor, der manche Leser vielleicht erschrecken wird, entgegen. Denn Ruth war (zumindest auf dem Papier) nicht das, was man sich gemeinhin unter einer Krebs-Patientin vorstellt. Sie versteckte sich nicht und ging mit ihrer Krankheit und deren Folgen sehr offen um.

Doch natürlich ist das nur die eine Seite der Medaille. In einem bewegenden und sehr eindrücklichen Nachwort füllt ihr Ehemann Matt Seaton die Leerstellen zwischen den Kolumnen und Briefen. Er beschreibt, wie sich Ruth, die  in ihren Texten so wach und anwesend scheint, nach und nach aus dem Leben ausklinkte. Und zwar sowohl physisch als auch psychisch. Die selbständige Frau, die Ruth einst gewesen war, verschwand und zurückblieb ein Mensch, der auf andere angewiesen war. Was das für die Beziehung der beiden sowie den Umgang miteinander bedeutete, kann man als Unbeteiligter trotz Seatons ehrlicher Worte nur erahnen. Der Leser wird die Schilderungen von Seaton jedoch sehr ernüchternd finden, räumt dieser doch ein, dass eine schwere Krankheit Familien und Lebensgefährten nicht zwangsläufig zusammenschweißt und sie einander unter Umständen sogar entfremdet.

Auch das Bild, das man von Ruth erhält, beginnt zu bröckeln, sobald man das Nachwort zu lesen beginnt. Erwecken ihre Briefe noch den Eindruck, dass sie ihr Schicksal mit Fassung trägt und weiterhin eine energiegeladene dynamische Frau ist, spürt man in den Erinnerungen ihres Ehemanns die latente Verzweiflung und Angst, die sie wahrscheinlich empfunden haben muss. Sie war weder Heldin noch Märtyrerin. Doch ihr Umgang mit der Krankheit verlangt mir großen Respekt ab. Auch wenn die Tumore ihren Körper besetzten, versuchte Ruth die Deutungshoheit über ihre Krankheit zu behalten. Mit Sarkasmus und Schlagfertigkeit zog sie in den aussichtslosen Kampf gegen ihre Krebserkrankung und bemühte sich darum, das Leben, das sie bislang gelebt hatte, so lange wie möglich festzuhalten.

Es wird mir fehlen, das Leben ist jedoch nicht das Buch einer Überlebenden. Weder im eigentlichen noch im übertragenen Sinne. Es spendet auch nur wenig Hoffnung, da es nicht die ewige Seligkeit in Aussicht stellt. Was es in meinen Augen zu einer lohnenden Lektüre macht, ist, dass es zeigt, welchen Einfluss wir auf unser Leben nehmen können. Selbst im Fall schwerer Krankheit hat der Mensch häufig die Möglichkeit, sein Leben auch weiterhin aktiv zu gestalten. Es obliegt daher ihm allein, ob er lediglich vernichtet oder auch besiegt wird.

Ruth Picardie: Es wird mir fehlen, das Leben. Rowohlt, Reinbek 2000. 176 Seiten, Taschenbuch. Nur gebraucht erhältlich.

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