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Federkleid

Nach acht Jahren wird Hotaru von ihrem Geliebten verlassen. Obwohl er sich in all dieser Zeit nie dazu hatte durchringen können, seine Ehefrau für sie zu verlassen, wird sie von seinem Entschluss, in den Schoß der Familie zurückzukehren, kalt erwischt und fällt in ein tiefes Loch. Rückblickend erzählt sie:

„Ich fühlte mich wie eine Wildente, die mit einem Pfeil im Rücken kläglich weiterlebte. Ich bemühte mich, solche Gedanken schnell wieder zu verscheuchen, aber vergebens. Ich lebte nicht hier, in dieser Welt. Das wahre Ich lebte noch immer in jener Zeit, war in jenem Alltag untergetaucht und lebte ihn fort. Es konnte nicht anders.“

Ein neues eigenständiges Leben zu beginnen bereitet ihr große Schwierigkeiten. Hotaru weiß ohne ihren Geliebten nichts mit sich anzufangen und ist so antriebslos, dass ihr selbst das Aufstehen schwerfällt. Ihre Gedanken kreisen ständig um den Geliebten und die Vergangenheit, die sie nicht loslassen kann. „Komm schon, komm zurück ins Jetzt!“, ruft  sie sich immer wieder zu. Doch erst als Hotaru Tokio und ihrem Appartement, dem verlassenen Liebesnest, den Rücken kehrt und in ihre Heimatstadt zurückkehrt, gelingt es ihr, sich aus der Lethargie zu befreien.
Sie beginnt im Café ihrer Großmutter zu arbeiten und trifft sich gelegentlich mit einer Bekannten, die sie von früher kennt. Dennoch kann  Hotaru die trübseligen Gedanken nur allmählich abschütteln. Sie fühlt sich häufig kraftlos und leer und streift in ihrer freien Zeit ziellos am Flussufer umher. Es ist offensichtlich, dass ihr Herz sich nur sehr langsam von der erlittenen Kränkung erholt.
Und dann passiert etwas, das vieles ändert: Sie begegnet ihm, einem großen, sportlichen Mann, den sie von früher zu kennen glaubt. Hotaru kann den Fremden zwar nicht einordnen. Aber weil sie sich sicher ist, ihn schon einmal getroffen zu haben, ist sie nach der zufälligen Begegnung wie elektrisiert:

„Etwas wie schicksalhafte Liebe oder das diffuse Gefühl, die Person schon mal gesehen zu haben – das war es nicht. Denn ich war mir sicher: Seine Stimme und auch seine Hände, die kannte ich. Ich wusste nur nicht, wann und wo ich ihm schon einmal begegnet war. Und warum.“

Natürlich bleibt es nicht bei dieser einen Begegnung. Hotaru und der Fremde, der sich ihr später unter dem Namen Ōtaka vorstellen wird, laufen sich bald zum zweiten Mal über den Weg, als sie des Nachts sein illegales Restaurant für Nudelsuppen betritt. Während er ihr Essen zubereitet, kommen die beiden miteinander ins Gespräch und knüpfen über einer Portion Ramen erste freundschaftliche Bande.

Wie es weitergeht, scheint klar: Hotaru und Ōtaka verlieben sich ineinander und entdecken am Ende von Banana Yoshimotos Federkleid, dass er ihre verloren geglaubte Sandkastenliebe ist, der sie mit der Schultüte in der Hand ewige Treue geschworen hat. Oder so ähnlich.

Tatsächlich passiert jedoch nichts dergleichen. Die Abzweigung, die der Roman bei der ersten Begegnung der beiden nimmt, rückt ihn vielmehr in die Nähe eines anderen japanischen Kulturgutes: dem Shōjo-Manga. Genau wie der Shōjo-Manga fokussiert auch Federkleid Themen wie Liebe und Freundschaft und verbindet sie gekonnt mit phantastischen Elementen, sodass die Wirklichkeit mit einer magischen Realität zusammenzufließen scheint.

Dennoch wäre es verkehrt, Federkleid als geschriebenen Shōjo-Manga zu bezeichnen. Zum einen richtet er sich eindeutig an ein älteres Publikum. Zum anderen nutzt Yoshimotos Werk die Vorzüge der Kunstform „Roman“ mal mehr, mal weniger gekonnt aus. Die Figuren sind beispielsweise wesentlich differenzierter charakterisiert, als es in einem Manga möglich gewesen wäre. Darüber hinaus verzichtet er auf die humoristischen Unterbrechungen, die in vielen Shōjo-Manga die Handlung auflockern.

Überhaupt ist Federkleid ein sehr ruhiger und sanfter Roman, der sich zu keinen Extremen aufschwingt. Hotaru, die als Ich-Erzählerin durch die Handlung führt, klingt tatsächlich wie jemand, der sehr verletzt worden ist und sein Herz vor weiteren Kränkungen schützen will. Sie erzählt sehr beherrscht und beschränkt sich meist auf eine Schilderung der Vorgänge. Doch gelegentlich bekommt die schützende Schale Risse und ihre Gefühle sprudeln aus ihr heraus.

Mir hat das sehr gefallen, nicht zuletzt da es meines Erachtens eher untypisch ist. Romane, die sich hauptsächlich an Frauen richten, fallen leider allzu oft durch flapsige laute Erzählerinnen auf, die ihr Unglück in die Welt hinausschreien. Hotaru erzählt dagegen mit angezogener Handbremse und erinnert mich dadurch an eine stolze Kriegerin, die nach einer verlorenen Schlacht verwundet heimkehrt. Sie ist mir dadurch zutiefst sympathisch.

Leider verliert die Handlung gegen Ende an Dynamik, sodass ich Federkleid schließlich beinahe erleichtert zugeklappt habe. Der Schlusspunkt kommt kein Zeichen zu früh und verhindert gerade noch, dass der Roman zum fragil erzählten Rohrkrepierer wird.

Banana Yoshimoto: Federkleid. Diogenes, Zürich 2009. 160 Seiten, Taschenbuch, 8,90€.

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