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Menschenrauch

Wie schreibe ich über ein Buch, dessen Aussagekraft ich aufgrund meiner eigenen Unkenntnis nicht einschätzen kann?

Diese Frage treibt mich um, seitdem ich Nicholson Bakers Menschenrauch gelesen habe. Ich würde eigentlich sehr gerne sagen, dass mir das Buch gefallen hat. Denn das hat es zweifelsohne. Wie der Erzähler die Zitate verschiedener Menschen aus Europa, Amerika und Asien aneinanderreiht, um den Auftakt des Zweiten Weltkriegs zu rekonstruieren, ist gekonnt und die Auszüge sind – obwohl in Teilen altbekannt – sehr spannend. Zitate von Politikern, Zivilisten und Journalisten fügen sich in Menschenrauch nahtlos aneinander und werden von Baker zu einzelnen Erzählfäden gesponnen, bevor sie schließlich in einem einzigen Knoten zusammengeführt werden: dem Kriegseintritt der USA am 8. Dezember 1941.

Die Collage, die auf diese Weise entsteht, kennt weder gute noch schlechte Kriegsteilnehmer. Obwohl die Alliierten in Medien häufig als strahlende Sieger dargestellt werden, sind sie in Menschenrauch keineswegs als solche auszumachen. Getrieben von macht- und wirtschaftspolitischen Interessen suchen sie die Konfrontation mit dem Nazi-Regime, das, auf seine eigenen Ansprüche pochend, keinen Meter zurückweicht. Dass es schließlich zum Zusammenprall kommt, erscheint in Bakers „Menschenrauch“ bereits früh unausweichlich, ein Eindruck, der vermutlich der geschickten Anordnung passender Zitate und der clever eingesetzten Erzählerstimme zu verdanken ist.
Die einzigen, denen der Erzähler auf diese Weise ein gutes Zeugnis ausstellt, sind die Pazifisten. Sie machen sich – den Zitaten nach zu schließen – die Methoden des gewaltlosen Widerstands zueigen und versuchen so, den drohenden Krieg aufzuhalten. Der bedingungslose Idealismus, den die Pazifisten dabei an den Tag legen, beeindruckt durch tiefe Menschlichkeit und die scheinbare Folgerichtigkeit dieser Überzeugung, sodass Roosevelt und Churchill wenn nicht wie Unmenschen, so doch zumindest wie Opportunisten und – in Churchills Fall – gnadenlose Machtpolitiker erscheinen.

Die Frage, die sich einem jedoch stellen sollte, ist, ob diese Beurteilung tatsächlich angemessen ist oder ob die Zitate tendenziös ausgewählt worden sind, um beim Leser einen bestimmten Eindruck zu erwecken. Welche der beiden Optionen zutrifft, kann und will ich aber nicht beurteilen; mir fehlen hierzu schlichtweg die notwendigen Kenntnisse. Es versteht sich natürlich von selbst, dass einer Auswahl immer ein gewisser Trend zugrunde liegen wird. Nichts desto trotz möchte ich als Leser nur ungern manipuliert werden – schon gar nicht dann wenn es um dieses hochsensible Thema geht.
Daher bleibt mir nur zu sagen, dass meine Beurteilung von Menschenrauch mit der Realitätsnähe der Auswahl steht und fällt. Eine interessante Lektüre war es aber in jedem Fall.

Nicholson Baker: Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Rowohlt, Reinbek 2009. 640 Seiten, gebunden, 26,95€.

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