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Speak

Für Melinda steht das Wort nicht wie in der Bibel im Anfang. Es steht am Ende. Ein ganzes Schuljahr lang hat die Highschool-Schülerin darüber geschwiegen, was in ihr vorgeht. Doch nun bricht sie endlich ihr Schweigen. „Let me tell you about it“, sagt sie am Ende des Buches zu ihrem Kunstlehrer und wir, die Leser, können Speak nach 198 Seiten Lektüre erleichtert zuklappen. Wir wissen natürlich nicht, ob Melinda es schaffen wird, ihre Probleme zu bewältigen. Der erste Schritt ist nun jedoch getan und nur die Zeit kann zeigen, ob er Melinda von der Einsamkeit, den schlechten Noten und vor allem den schrecklichen Ereignissen des letzten Sommers weg führen wird.

Was hier nach einem versöhnlichen Ende klingt, war für mich allerdings eine Überraschung. Der Schluss fällt zwar nicht gerade vom Himmel, wirkt aber dennoch übereilt, da die Ereignisse, die Melinda dazu bewegen, sich zu öffnen, ausschließlich auf die letzten 40, 50 Seiten verteilt sind. Davor passiert hingegen so gut wie gar nichts. Die Handlung tritt auf der Stelle, weil auch Melinda lange stillsteht. Sie lässt sich wie paralysiert treiben und schaut ohnmächtig dabei zu, wie sich ihr Leben allmählich zum Schlechten wendet. Das mag angesichts dessen, was Melinda zugestoßen ist, auch durchaus authentisch sein. Es eignet sich aber so, wie es hier ausgeführt wird, nicht dazu, ein ganzes Buch zu füllen, schon gar nicht dann, wenn Melinda die meiste Zeit über ihre eigene und zugleich einzige Gegenspielerin ist. Denn selbst vor dem Hintergrund schlechter werdender Noten, die die Eltern und Lehrer auf den Plan rufen müssten, bleibt Melinda weitestgehend allein. Gelegentliche Versuche, zu ihr vorzudringen und ihr Schweigen zu brechen, bleiben folgenlos und perlen letztendlich einfach an Melinda ab.

Dennoch ist Speak ein durchaus lesenswertes Buch. Melinda wuchs mir als Erzählerin sehr schnell ans Herz, da ich als Leser spürte, dass sie trotz der traumatischen Ereignisse das Mädchen von Nebenan geblieben ist. Die Probleme „normaler“ Jugendlicher gehören ebenso zu ihrem Leben wie der Zorn und die Verbitterung über das, was ihr widerfahren ist. Das machte mir Melinda einerseits sympathisch und verhinderte andererseits, dass ich mich auf Grund des hohen Wiedererkennungswertes langweilte.

Auch Melindas lakonische Art, den Highschool-Alltag zu schildern, empfand ich als sehr erfrischend. Denjenigen, die Kinostreifen a la „10 Dinge, die ich an dir hasse“ kennen, wird zwar nichts Neues erzählt, aber der eher untypische Blick auf ein Schuljahr an der Highschool ist meines Erachtens trotzdem recht interessant.

Das Rad wird in Speak natürlich nicht neu erfunden. Vieles lässt sich im Voraus erraten, manches ist stereotyp. Doch wer ein nettes Buch für Zwischendurch sucht und der Introspektion einer Schülerin etwas abgewinnen kann, wird dennoch nicht enttäuscht sein.

Laurie Halse Anderson: Speak. Macmillan USA, New York City 2011. 197 Seiten, Taschenbuch, 7,99€.

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