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Taliban

Die Sachbuch-Rezensionen auf Gretchenfrage häufen sich gerade. Nachdem Der Raub der Europa die Kunstpolitik von Achsenmächten und Alliierten unter die Lupe genommen hat, widmete sich das letzte Sachbuch, das ich gelesen habe, den Taliban. Welche Gruppierung sich hinter diesem Namen verbirgt, muss ich wahrscheinlich niemandem hier erklären; die meisten Erwachsenen werden eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, wie Taliban aussehen und was sie machen. Schließlich sind die Fotografien und Videos von bärtigen Männern mit Turban auf dem Kopf und Maschinengewehren in der Hand weit verbreitet und immer wieder Gegenstand von Spott und blöden Witzen. Hinter diesem Bild vom Jeep fahrenden Islamisten verbirgt sich jedoch leider gähnende Leere. Woher die Taliban kommen oder welche Ziele sie verfolgen, ist vielen nicht bekannt, auch wenn die deutsche Bundeswehr Anfang des vergangenen Jahrzehnts im Zuge des so genannten „Kampf gegen den Terror“ auch gegen die Taliban kämpfte.

Doch sich Informationen zum Thema zu verschaffen, ist in diesem Fall nicht sehr einfach. Neben dem Internet, das aufgrund seiner Mitmachkultur immer ein gewisses Risiko in sich birgt, bleiben eigentlich nur die Bücher und die Medien, die im Fall der Taliban jedoch kläglich versagen. Sei es aufgrund des begrenzten Platzes oder aufgrund von schlechter Recherche – die Informationen, die man in den Medien erhält, sind unpräzise und geben selten Auskunft über die Hintergründe, sodass die Taliban letztendlich holzschnittartig bleiben. Es lohnt sich daher zum guten alten Buch zu greifen bzw. – im Fall der Taliban – zu Ahmed Rashids Sachbuch Taliban.

In diesem Buch, das von manchen als *das* Standardwerk zum Thema gepriesen wird, beschreibt Ahmed Rashid den rasanten Aufstieg der Taliban, die Anfang der Neunziger Jahre erst einzelne Städte und später ganz Afghanistan eroberten. Neben einer Abfolge der Ereignisse hält das Buch jedoch auch die Hintergründe bereit, die in den Medien oft zu kurz kommen. Rashid, der Zentralasien aufgrund seiner Tätigkeit als Journalist vor Ort sehr gut kennt, bettet die Konflikte in die Geschichte und Geographie Zentralasiens ein, sodass manche Geschehnisse, die einem als unbedarftem Zeitungsleser vielleicht rätselhaft erscheinen, plötzlich Sinn ergeben.

Auch die Probleme, denen die ISAF-Truppen heute beim Aufbau des Landes begegnen, sind, in den richtigen Kontext gerückt, nachvollziehbar. Tatsächlich habe ich mich beim Lesen gefragt, wer angesichts der Ausgangslage in Afghanistan auf die Idee kommen konnte, dass eine Befriedung und Modernisierung schnell und problemlos möglich sein würde. Das Gefüge aus Glaube, Ethnien, Geschichte, Wirtschaft und Geographie ist in Zentralasien derart komplex, dass ich mir heute nach der Lektüre nur schwer vorstellen kann, wie eine Lösung, die nicht historisch gewachsen ist, langfristig funktionieren könnte.

Die Ausgangssituation an dieser Stelle nachzuzeichnen ist (obwohl ich mir sicher bin, dass es viele äußerst interessant fänden) unmöglich. Selbst Rashid, der hier sehr kompakt und griffig formuliert, braucht viel Raum, um seine Leser mit der Situation in Afghanistan und seinen Nachbarländern vertraut zu machen. Die Informationen, die angeboten werden, scheinen dennoch mit Bedacht ausgewählt worden zu sein, sodass man selten den Eindruck hat, etwas zu lesen, das nur dazu gedruckt wurde, um die Expertise des Autors zur Schau zur stellen.

Taliban krankt dafür leider an einer anderen Stelle: Die Entscheidung, das Buch in vier Themenkomplexe (Aufstieg der Taliban, Organisation und Ideologie, „the Great Game“ und die Zeit von 2001 bis 2006 zu unterteilen, schadet dem Verständnis des Buches ziemlich. Es mag nicht die schlechteste Strukturierung sein. Mir persönlich hat jedoch der rote Faden gefehlt, was vor allem gegen Ende des Buches, als Rashid das so genannte Great Game, also der Kampf westlicher Ölkonzerne um die zentralasiatischen Ressourcen, erläutert, spürbar wird. Es gehört zwar zum Thema dazu. Doch da die Taliban mehr oder weniger in den Hintergrund rücken, stellt sich mir zwischenzeitlich die Frage, wieso man diese Episode in einem Buch über die Taliban in solch (verhältnismäßig) epischer Länge erörtern muss.

Wesentlich relevanter erscheinen da die Kapitel, die sich mit der Organisation und Ideologie der Taliban sowie deren Verbindung mit Osama bin Laden bzw. al-Qaida beschäftigen. Rashid läuft hier zur Hochform auf und gibt Einblick in die Hintergründe, die beispielsweise zu der rigorosen Unterdrückung der Frauen oder dem massiven Anbau von Mohn führten. Das Buch profitiert in diesem Abschnitt merklich vom Insiderwissen des pakistanisch-britischen Journalisten. Denn er berichtet hier nicht nur, nein, er erzählt wie ein waschechter Zeitzeuge. Die Kapitel, die sich diesen allgemeineren Kapiteln zuwenden, sind die wahrscheinlich zugänglichsten und interessanten des Buches und dadurch für diejenigen von Belang sind, die keine Geschichtsstunde erhalten wollen.

Ob ich Taliban auch über diese Kapitel hinaus weiterempfehlen würde, ist hingegen eine schwierige Frage. Das Buch ist sehr interessant und das Thema zweifelsohne relevant. Doch aufgrund der Struktur und ein paar Längen, die sich hie und da eingeschlichen haben, benötigt man ein wenig Ausdauer und guten Willen, um sich bis zum Ende vorzukämpfen. Leider. Denn für den gesellschaftlichen Diskurs wäre es mit Sicherheit wichtig und gewinnbringend, wenn ein Teil des Wissens, das in diesem Buch aufbereitet wurde, integriert würde und so ein differenzierteres Bild von den Taliban, aber auch den Afghanen und ihren zahlreichen Probleme entstünde.

Ahmed Rashid: Taliban: Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia. Yale, University Press, New Haven 2010. 294 Seiten, Taschenbuch. Nur gebraucht erhältlich.

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