Links

The Uncommon Reader

„The Queen hesitated […]. She’d never taken much interest in reading. She read, of course, as one did, but liking books was something she left to other people. It was a hobby and it was in the nature of her job that she didn’t have hobbies. […] Hobbies involved preferences and preferences had to be avoided; preferences excluded people. […] Her job was to take an interest, not to be interested herself. And besides, reading wasn’t doing. She was a doer.” (S.6)

Und dennoch – obwohl all das dagegen spricht, beginnt die Queen eines Tages zu Büchern zu greifen – wenn auch zunächst nur der Höflichkeit wegen. Aber ihr wisst ja mit Sicherheit, wie das ist: Ein Buch führt zum nächsten und am Ende kann man einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Nicht einmal von königlichem Geblüt zu sein schützt einen davor und so gerät die Queen zunehmend in den Bann der Literatur.
Gemeinsam mit ihrem „amanuensis“ Norman, den sie auf Grund seiner Liebe zur Literatur vom Küchenjungen zu ihrem persönlichen „literary assistent“ befördert hat, entdeckt sie nun nach und nach die Welt der Bücher. Während die Queen anfangs vor allem die Werke homosexueller Autoren liest (Norman hat eine kleine Schwäche für diese Herren), tastet sie sich später immer weiter vor. Keinen Autor, kein Genre verschmäht sie.1 Namen und Büchertitel fallen beinahe im Akkord und ich als Leser beginne mich dadurch schon bald zu fragen, wer oder was sich eigentlich dahinter verbirgt. Sogar Autoren, deren Bücher ich zuvor nicht einmal mit einer Kneifzange angefasst hätte, erscheinen mir plötzlich beinahe lesenswert und ich erlebe mehr oder weniger das, was auch die Queen erfährt. Ein Buch führt zum nächsten – aber das schrieb ich ja bereits.

Die Queen verschlingt jedenfalls ein Buch nach dem anderen. Sie macht sich Notizen und versucht jeden, der ihr über den Weg läuft, in Gespräche über Literatur zu verwickeln. Der Erfolg ihrer Bemühungen ist allerdings eher mäßig, da die meisten Menschen, die sie anspricht, absolute Lesemuffel sind und sich von ihren Fragen eher bloßgestellt fühlen.
Aber auch ihr Privatsekretär Sir Kevin, ihre Hunde oder der Premierminister stören sich an der neuen Vorliebe der Queen und versuchen sie bei jeder Gelegenheit zu unterbinden, indem sie z.B. auf einer Auslandsreise das Gepäckstück mit den Büchern darin verschwinden lassen. Als nichts fruchten will, entlässt Sir Kevin sogar Norman (natürlich ohne die Queen über die Gründe aufzuklären), nachdem es ihm ein Berater des Premierministers „angeraten“ hat. Doch nichts! Das Ergebnis dieses Schritts ist lediglich Folgendes:

„[…] she missed him [Norman], there was no doubt. But no letter came, no note, and there was nothing for it but grimly to go on. It wouldn’t put a stop to her reading.“ (S. 70)

Die Queen spürt jedoch mindestens ebenso sehr wie ihr Privatsekretär oder Prinz Philip, dass das Lesen sie verändert hat. Lebte sie früher noch ausschließlich für ihr Amt, sehnt sie sich nun während der Erfüllung ihrer Pflichten danach, sich wieder zurückzuziehen und zu lesen. Zudem ist sie feinfühliger und aufmerksamer geworden, da die Königin mit Hilfe der Literatur gelernt hat, sich vorzustellen, in der Haut eines anderen zu stecken. Ein Abschnitt auf Seite 101, der mir besonders gut gefallen hat, fasst ihre Entwicklung meines Erachtens sehr treffend zusammen:

„Had she been asked if reading had enriched her life she would have had to say yes, undoubtedly, though adding with equal certainty that it had at the same time drained her life of all purpose. Once she had been a self-assured single-minded woman knowing where her duty lay and intent on doing it as long as she was able. Now all too often she was in two minds. Reading was not doing, that had always been the trouble. And old though she was she was still a doer. She […] reached for her notebook and wrote: You don’t put your life into your books. You find it there.“ (S.101f.)

Auf mich treffen die letzten beiden Sätze zwar nur bedingt zu, aber dennoch kommt mir die Entwicklung der Queen als Leserin sehr bekannt vor. Sie erinnert mich ein wenig an meine eigene, nachdem ich nach jahrelanger Pause wieder anfing, zu Büchern zu greifen. Manche Sätze verführen mich daher beinahe dazu, sie mit einem Textmarker farbig zu unterlegen. Da das Exemplar, das ich lese, der Stadtbibliothek Mannheim gehört, darf ich es aber nicht und werde sie mir bei Gelegenheit (lies: nach der Vorlesungszeit) vielleicht herausschreiben. Mal sehen.

Was mir an Alan Bennetts The Uncommon Reader außerdem sehr gefällt, ist, dass alles mit einem Augenzwinkern erzählt wird. Wenn der auktoriale Erzähler berichtet, dass die Corgis der Queen die Bücher klauen und in den Gärten zerfetzen, dann wirkt das beinahe wie die Szene aus einer stinknormalen Familie, wäre da nicht das weibliche Familienoberhaupt, das sich ein wenig gestelzt ausdrückt (z.B. „One has never seen you here before, Mr…“, S.5). Auch die absurd anmutenden Versuche von Sir Kevin, die Queen vom Lesen abzubringen bzw. ihr Hobby mit ihrem Amt als Königin zu vereinen, entlockten mir während Lesen oft ein Lächeln. Ob so wohl die Palastintrige des 21. Jahrhunderts aussieht, fragte ich mich ein ums andere Mal und las geschwind weiter, nur um zu erfahren, was sich der pflichtbewusste Privatsekretär als nächstes einfallen lässt.

Als ich nach 121 kurzweiligen Seiten schließlich am Ende angelangt war, erwartete mich ein – man kann es nicht anders sagen – äußerst überraschender Schluss. Ich bin eigentlich jemand, der gut darin ist, zu erraten, wie ein Buch ausgeht. Doch mit dieser Wendung habe selbst ich nicht gerechnet, was ich jedoch selbst zwei Tage später noch total großartig finde. Ich werde einfach gerne von Autoren überrascht! Aber auch dass das Ende offen bleibt, verdient meiner Meinung nach ein großes Lob, da viele Autoren mittlerweile leider dazu neigen, das Schicksal ihrer Protagonisten quasi bis ins Grab hinein zu schildern. Mir stellen sich daher jedes Mal die Nackenhaare auf, wenn ich irgendwo das Wörtchen „Epilog“ entdecke…

Dennoch erhält The Uncommon Reader von mir nicht die volle Punktzahl. Ich kann nicht erklären, wieso, aber ich hatte, während ich die Novelle las, stets das Gefühl, dass ich sie bald wieder vergessen würde. Die Art, wie sie geschrieben ist, gefällt mir, keine Frage, aber angesprochen hat sie mich nicht. Ich stehe dem Buch heute, zwei Tage später, völlig gleichgültig gegenüber und weiß mit Sicherheit, dass ich es mir weder kaufen noch ein zweites Mal zu Gemüte führen werde.

Alan Bennett: The Uncommon Reader. Profile Books, London 2008. 121 Seiten, Taschenbuch, 7,99€.

Schreibe einen Kommentar