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Winter

Wenn man dieser Tage einen Blick auf das Thermometer wirft, will man eigentlich gar nicht so recht glauben, dass wir bereits Anfang Januar haben. Über das Wetter wird natürlich oft und gerne geschimpft. Aber ich denke, dass sich der Winter dieses Jahr zu Recht vorwerfen lassen muss, dass er sich nach dem schneereichen Einstand einfach nicht genug Mühe gibt. Seit gut zwei Wochen weder Frost noch Kälte – sogar ich, die nicht gerne friert, finde das deprimierend.

Die Texte von Hermann Hesse, die in Winter, meiner letzten Lektüre, zusammengestellt worden sind, entlockten mir daher zunächst nur ein müdes Lächeln. Denn in den Gedichten, Briefen und Exzerpten aus Erzählungen von Hermann Hesse strahlt die Wintersonne auf schneebedeckte Landschaften und die Luft ist, um den Schriftsteller Nikolaus Lenau zu zitieren, vor Kälte erstarrt. Die Gestalten, die sich in den Texten tummeln, rodeln weiße Abhänge hinunter oder fahren lachend Schlittschuh auf spiegelglatten Seen.  Doch auch der anderen, eher unschönen Seite des Winters wird gedacht. Die Erzählung Der Wolf aus dem Jahr 1907 erzählt beispielsweise von drei Wölfen, die ihr Rudel auf der Suche nach Nahrung verlassen. Der Hunger nagt an ihnen. Aber der Versuch, ihrer Not zu entkommen, endet tragisch. Ohne es zu wissen, laufen sie, um dem Hungertod zu entkommen, einem anderen gewaltsameren Tod in die Arme. Letztendlich spielen Texte wie diese Erzählung jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten Gedichte und Exzerpte vermitteln eine ruhige, dafür aber positive winterliche Grundstimmung.

Etwa die Hälfte der Texte spielt vor (vor-)weihnachtlicher Kulisse, was ich, die das Buch erst kurz nach Weihnachten gelesen hat, ein wenig problematisch finde. Das Weihnachtsfest dauert schließlich nur drei Tage, während der Winter immerhin drei Monate währt. Weihnachten so viel Platz einzuräumen halte ich daher für eine Fehlentscheidung. Schließlich heißt die Textsammlung „Winter“ und nicht „Weihnachten“.

Leider ist die Überrepräsentation des frohen Festes nicht das einzige Problem, das ich in der Auswahl der Texte sehe. Die Zusammenstellung scheint über eine sehr oberflächliche, einfache Darstellung der Jahreszeit nicht hinauszugehen. Beim Lesen der einzelnen Texte hatte ich zwischenzeitlich sogar den Eindruck, dass man sich einer Volltextsuche bedient und Hesses Gesamtwerk auf einfallslose Schlagwörter wie Winter, Schnee oder Weihnachten hin durchkämmt hat. Was man gefunden hat, ist zwar okay, geht aber inhaltlich oft nicht über naive Landschaftsmalerei hinaus.

Darüber hinaus hat man, um das Buch zu füllen, dem Thema aber gleichzeitig möglichst treu zu bleiben, scheinbar auch einige schwächere Texte auswählen müssen – auch wenn „schwächer“ in diesem Fall immer noch besser ist als manches, was sich auf den vorderen Plätzen der SPIEGEL Bestsellerliste tummelt. Besonders auffallend ist dies bei den Gedichten; dem Vergleich mit Hesses bekannteren lyrischen Werken wie Stufen oder Im Nebel können meines Erachtens nur wenige der abgedruckten Gedichte standhalten, da sie – genau wie die Textsammlung selbst – an der Oberfläche kratzen.

Liest man Winter unmittelbar vor Weihnachten, ist es mit Sicherheit ein netter kleiner Zeitvertreib, zumal man bereits anhand des Ebooks erahnen kann, was für ein hübsches Büchlein es sein muss. Die Aquarelle von Hermann Hesse reihen sich (selbst in der elektronischen Variante) harmonisch zwischen den Texten ein und unterstreichen die winterlich-weihnachtliche Atmosphäre, die das Buch von Anfang bis Ende durchzieht.

Mir, der Hesse-Gelegenheitsleserin, hat Winter auf Grund der Text-Auswahl dennoch nicht gefallen. Es sind für meinen Geschmack schlichtweg zu viele von den „falschen“ Texten. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass Hesse-Die-Hard Fans sich nicht zuletzt wegen der Aufbereitung über das Büchlein freuen könnten. Auch als Geschenk für Gelegenheitsleser ist es mit Sicherheit einen zweiten Gedanken wert.

Hermann Hesse: Winter. insel taschenbuch, Berlin 2012. 118 Seiten, Taschenbuch, 7,00€.

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