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Braune Sauce im Bücherregal

Ich will euch heute zu einer kleinen Zeitreise zurück in das Jahr 2011 einladen. Damals – genauer gesagt im Dezember des Jahres 2011 – lief John Asht, ein bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend unbekannter Autor, virtuell Amok und demonstrierte eindrücklich, was man unter dem Begriff „Selbstdemontage“ zu verstehen hat. Vier Kommentare (zwei von Asht und zwei von seiner Verlegerin) genügten, um einen kleinen Shitstorm zu entfesseln, dessen letzte Ausläufer das Internet erst mehr als vier Wochen nach dem Kommentar erreichten.

Ob es tatsächlich notwendig war, dass sich jeder und sein Hund zur Causa Asht äußern mussten, sei mal dahin gestellt. Doch wenigstens versäumte man dabei nicht, auch darauf hinzuweisen, dass die Inhalte, die John Asht auf seinem Blog und bei Facebook verbreitete, von eher fragwürdiger Natur sind. Eine richtige Diskussion darüber fand zwar nicht statt. Aber man war sich wenigstens (völlig zu Recht) einig, dass Misogynie, Rassismus und Deutschtümelei ih-bäh-pfui sind und sich der Autor durch seine Aussagen ins Abseits geschossen hat.

Ich fand das damals super und habe mich darüber gefreut, dass sich diejenigen, die das Geschehen verfolgten, in ihrer Kritik nicht nur darauf beschränkten, dass eine andere Bloggerin dumm angemacht wurde. Denn es ist meines Erachtens verdammt wichtig, dass man krude Weltanschauungen wie die von John Asht nicht ignoriert, sondern sich ihnen entgegenstellt.

Die rassistischen Äußerungen des bekannteren Autors Pirinçci werden weitestgehend ignoriert

Heute ist die Begeisterung von damals ein bisschen verflogen. Denn obwohl gerade ein weiterer Autor in der braunen Suppe planscht, sagt fast niemand ein kritisches Wort. Twitter und die Blogs kreisen derzeit scheinbar lieber um andere Themen, sodass Äußerungen, die sich gegen den Autor richten, eher selten sind und zwischen den Claqueuren aus der rechten Ecke zu verschwinden drohen. Die Google-Suche (Stand: 11.04.2013) zeichnet leider ein ähnliches Bild.

Und dabei geht es hier nicht einmal um so ein kleines Licht wie John Asht. Denn Akif Pirinçci hat in seinem Leben schon einige Bücher verkaufen können. Sein Felidae-Zyklus um den Kater Francis erfreut sich unter Blogger einiger Beliebtheit und wird hie und da recht positiv besprochen, was ich Herrn Pirinçci von Herzen gönne. Es ist immer schön, wenn ein Buch seine Leser findet.

Weniger schön ist hingegen das, was Pirinçci auf Facebook und auf dem Weblog des publizistischen Netzwerks „Die Achse des Guten“, das von Henryk M. Broder, Dirk Marxeiner und Michael Miersch betrieben wird, von sich gibt. Text um Text knöpft er sich dort missliebige Personengruppen (u.a. Muslime, Frauen, linke Politiker) vor  und bewirft sie verbal mit Scheiße. Und das bereits seit Monaten.

Erst der Essay „Das Schlachten hat begonnen“ brachte nun das Fass zum Überlaufen. Pirinçci behauptet in diesem Essay, dass es in Deutschland einen „schleichenden Genozids an einer bestimmten Gruppe von jungen Männern“ gäbe. Muslime würden junge deutsche Männer systematisch umbringen, um die eigenen Fortpflanzungschancen zu verbessern. Dies zeige sich, so Pirinçci, an „in immer kürzeren Abständen erfolgenden Bestialitäten, die zumeist von jungen Männern moslemischen Glaubens an deutschen Männern begangen werden.“  Was er dabei jedoch nicht erwähnt oder schlichtweg nicht wahrhaben will, ist, dass diese „Bestialitäten“ wie der Mord an Daniel S. aus Kirchweyhe, den Pirinçci erwähnt, meines Erachtens traurige Einzelfälle sind.

Akif Pirinçci als Vorläufer des besorgten Bürgers

Wes Geistes Kind solche Aussagen sind, muss ich euch vermutlich nicht erklären. Die TAZ, die sich Pirinçcis Entgleisung angenommen hat, bemerkt jedenfalls sehr richtig, dass „sein Schreibschreib […] nach Form und Inhalt ordinärer rechtsextremer Internetdreck“ sei, was Pirinçci jedoch als Unsinn abtut. Er stilisiert sich lieber als wachen Geist, der sich einfach nur gegen das vermeintliche Diktat der Political Correctness wehren möchte. Der Beifall, der seitdem ausgerechnet aus dem rechtsextremen Lager schallt, sei natürlich ebenso nur dem Zufall geschuldet, wie die Tatsache, dass das Vokabular an andere Großsprecher aus der rechten Szene erinnert. Und überhaupt – man wird ja wohl noch sagen dürfen…!

Ich bin jedoch der Meinung, dass man genauso etwas eben nicht sagen darf. Wir leben nun seit vielen Jahren auch offiziell in einer multikulturellen Gesellschaft und ja, das Zusammenleben ist manchmal schwierig. Es hilft jedoch niemandem, wenn Pirinçci gequirlte Scheiße ins Internet bläst und auf diese Weise einem friedvollen Miteinander weitere Steine in den Weg legt. Das Misstrauen ist seit der Aufdeckung der NSU-Morde ohnehin groß genug. Und überhaupt – was fällt Akif Pirinçci ein, von einem Genozid an den Deutschen zu schwafeln, wenn doch die letzte systematische Ermordung von Angehörigen einer Bevölkerungsgruppe ausgerechnet auf das Konto von Deutschen ging? Wie unsensibel kann man eigentlich sein? Gerade vor dem Hintergrund, dass die Ermittlungen der Neonazi-Morde sehr schlampig geführt wurden und auch V-Männer in die Morde verstrickt waren, stünde es Deutschen derzeit gut zu Gesicht, den Ball flachzuhalten und sich mit abstrusen Völkermord-Thesen zurückzuhalten. Zu versuchen, die Faktenlage umzudrehen, ist schlichtweg unangebracht.

Ich habe mich aus diesem Grund dafür entschieden, Akif Pirinçcis Bücher aus meinen Regalen zu verbannen. Denn es widerstrebt mir zutiefst, einen Autor, der mit rechtem Gedankengut liebäugelt oder es wenigstens für seine Zwecke (Aufmerksamkeit!) missbraucht, zu unterstützen. Herr Pirinçci kann das mit Sicherheit verschmerzen. Er hat ja nun neue Leser und Freunde, die seine Bücher kaufen können. Vorausgesetzt natürlich diese Personen können überhaupt lesen. Ich habe da nämlich manchmal so meine Zweifel.

Update 15.02.2017

Im Oktober 2015 trat Akif Pirinçci auf einer Pegida-Kundgebung als Hauptredner auf und attackierte in seiner Ansprache Poliktiker und Flüchtlinge. Obwohl Pirinçci nicht zum ersten Mal mit rassistischen Äußerungen negativ auffiel, sorgte diese Rede für bundesweite Empörung und führte dazu, dass die Verlagsgruppe RandomHouse seine Bücher (endlich!) aus dem Programm nahm. Danke dafür!

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