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Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook

Eines vorneweg: Etikettenschwindel ist pfui. Immer und ohne wenn und aber. Denn wenn mir ein Autor wilde Abenteuer und Capt’n Hook verspricht, bezahle ich ihn nicht, weil ich gerade lustig bin oder zu viel Geld habe, sondern dafür dass ich genau das lesen möchte. J.V. Hart scheint das jedoch anders zu sehen. Oder aber er hält eine schnarchlangweilige Internatsgeschichte nach Schema F für „wilde Abenteuer“. Keine Ahnung.

Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook beginnen jedenfalls betont einfallslos. James Matthew B., Halbwaise und Bastard eines angesehenen Lords, wird dank des Einflusses seines Vaters im Eliteinternat Eton aufgenommen. Als äußerst wohl gehütetes Geheimnis des Lords will sich James zunächst (d.h. während der ersten zwei Seiten) bedeckt geben und hat sogar Bedenken, seinen Nachnamen Preis zu geben. Doch scheinbar weiß ohnehin jeder darüber Bescheid, wer sein Vater ist. Also lässt James die Vorsicht bald fahren und wird rasch ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit katapultiert, indem er sich beispielsweise mit dem berüchtigten Arthur Darling anlegt und sich ihn zum Feind macht.
Abgesehen von seinem Intimfeind findet James außerdem: einen besten Freund, seinen love interest (nicht irgendwer, oh nein!, eine Sultanin!), eine hochintelligente Giftspinne, seine Leidenschaft für Segelschiffe und viele Anhänger unter seinen Mitschülern – und das auf nicht einmal ganz sechzig Seiten.

Die folgenden 260 Seiten können dagegen leider nicht anstinken. Denn obwohl James im weiteren Verlauf der Handlung sogar ein illegales Sklavenschiff befreit, sind die ersten Seiten das Spanndeste am Buch. Das heißt: Man kann sie lesen, ohne nach jedem zweiten Satz gähnen zu müssen. Müsste ich den Spannungsbogen dieses Buches mathematisch beschreiben, so lautete die Gleichung aber dennoch nur f(x)=1 (und das „=1“ ist sogar noch großzügig gewählt).
Eine Menge wenig intelligenter Anspielungen (James Matthew B. ist nur eine davon!) und zahllose Ungereimtheiten zerstören das (nennen wir es der Einfachheit halber einmal) Lesevergnügen dann endgültig, sodass nur noch eine Option sinnvoll erscheint, nämlich das Buch in die Ecke zu werfen und zu vergessen.

James Hook, die Überfigur in Schuluniform

Ich habe es wegen James dennoch nicht getan. Zu sehr war ich fasziniert davon, wie der Autor ihn nach und nach zur Überfigur modelliert: Zunächst hat James nur eine eigentümliche Lockenmähne und veilchenblaue Augen, in denen, wenn er zornig war, stechend rote Punkte zu sehen waren. Danach gesellen sich noch gelbes Blut (kein Witz!) und die Fähigkeit mit Spinnen zu reden dazu. Auch lernt James in Windeseile das Segeln und kann, obwohl er lange versteckt bei seiner Tante gelebt hat, wundervoll fechten. Seine Schulnoten sind so (positiv) herausragend wie sein Äußeres und obwohl er fest im Internatsalltag eingebunden ist, hat James noch Zeit eine Mini-Guillotine zu bauen, um sich an Arthur Darling zu rächen.

Ihr seht schon: James kann und weiß alles. Und das, was er noch nicht beherrscht, lernt er in Windeseile und natürlich schneller als jeder andere. Ich gehe jede Wette ein, dass Hart ihm sogar das Fliegen beigebracht hätte, wenn es in die Handlung gepasst hätte…

Einer von James erklärten Lieblingssätzen lautet: „Das hat Stil.“
Ich kann dazu nur sagen: Nö, James. Du nicht.

 

J.V. Hart: Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook. Rowohlt-Taschenbuch Verlag 2009. 352 Seiten, Taschenbuch. Das Buch ist nur noch gebraucht zu erwerben.

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