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Reisen im Skriptorium

Ein alter Mann sitzt allein in einem kleinen Zimmer. Er weiß weder, wer er ist, noch, wo er sich befindet. Der Erzähler nennt ihn zwar Mr. Blank. Aber der Name soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der alte Mann wie ein unbeschriebenes Blatt – a blank page – vor uns steht. Wir kennen ihn eigentlich ebenso wenig wie er sich selbst. Sein Nachname ist nämlich nur eine Erfindung des Erzählers, ein Hilfskonstrukt, um Mr. Blank nicht als alten Mann bezeichnen zu müssen. Alt, so der Erzähler, sei schließlich eine sehr unpräzise Beschreibung, passt sie doch zu fast jeder Person im Alter zwischen 60 und 100 Jahren.

Für Mr. Blank spielen diese Überlegungen natürlich keine Rolle. Während wir Leser wenigstens einen Namen haben, an dem wir uns festhalten können, bleiben Mr. Blank nur das unbestimmte Wörtchen „Ich“ und ein alter Körper, der allmählich den Dienst quittiert. Die Frage, wer er ist, quält ihn. Doch die Erinnerungen an sein früheres Leben kehren nur langsam und sehr vage zurück. Denn sein Gedächtnis will einfach nicht richtig funktionieren. Sogar die Namen, die durch andere Menschen – das Pflegepersonal vielleicht? – an ihn herangetragen werden, muss sich Mr. Blank notieren.

Die Personen, die im Laufe des Tages in sein Zimmer treten, versuchen Mr. Blank zu beruhigen. Der Gedächtnisverlust sei völlig normal und zeige nur, dass die Therapie funktioniere, erklären sie ihm. Aber der alte Mann kann sich an keine Therapie erinnern. Er versucht sich dennoch voranzutasten und seine Vergangenheit zurückzuerobern. Vor manchen Antwortmöglichkeiten schreckt jedoch er zurück: Könnte es sein, dass er ein Gefangener ist? Oder gibt es vielleicht einen anderen triftigen Grund dafür, dass man sein Gedächtnis gelöscht hat?

Reisen im Skriptorium ist ein Roman für Auster-Kenner

Reisen im Skriptorium wirft eine Menge solcher Fragen auf. Doch ein Kapitel, das einem den Schlüssel zur Geschichte in die Hand gibt, existiert nicht. Das ist natürlich erst einmal nichts Schlechtes. Ein Buch muss schließlich nicht linear von A nach B führen und am Ende in einem bombastischen Finale den Knoten lösen, den der Autor über viele Seite geknüpft hat. Im Falle der „Reisen“ bin ich dennoch geneigt zu sagen, dass ein solches Kapitel gefehlt hat. Am Ende des Buches wusste ich zwar, wer Mr. Blank sein soll. Es blieben aber trotzdem viel zu viele Fragen offen, deren Antworten ich in den anderen Romanen von Paul Auster suchen müsste. Denn: Paul Auster zitiert sich, wenn ich den Rezensionen auf Amazon und LovelyBooks Glauben schenken darf, fleißig selbst.

Eigentlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn Autoren sich und andere zitieren. Eher im Gegenteil: Gekonnt angewendet bereichern Zitate ein Buch und verleihen ihm Tiefe, da ein Autor sein Buch auf diese Weise in eine Tradition mit anderen Titel stellt – was, wenn man sich auskennt, sehr spannend sein kann. Schwierig wird es jedoch, wenn den Referenzen ein zu großer Raum zugestanden wird. So wie in – ihr ahnt es schon – Paul Austers Reisen im Skriptorium.

Da ich bislang nur Austers Moon Palace kenne, kann ich das Ausmaß der Selbstreferenz leider nicht einschätzen. Aber ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, das mir etwas Wesentliches vorenthalten wird. Fast wie bei einem Insider-Joke, der den Autor und eingeweihte Leser zum Lachen bringt, mich hingegen ratlos zurücklässt. Und nein: Das ist kein sehr schönes Gefühl. Ich hätte es bevorzugt, wenn sich Paul Auster die Mühe gemacht hätte, Reisen im Skriptorium so zu gestalten, dass es auch für Auster-Einsteiger gut lesbar ist.

Und trotzdem fand ich Reisen im Skriptorium irgendwie ganz brauchbar und hatte, bis ich bemerkt habe, dass ich dumm sterben würde, meinen Spaß dabei, gemeinsam mit Mr. Blank die Wahrheit zu ergründen. Denn Paul Auster schreibt einfach unvergleichlich gut. Er drückt sich einerseits sehr klar und unprätentiös aus, sodass man zu keinem Zeitpunkt glaubt, das Buch eines Intellektuellen zu lesen. Andererseits beschwört er mit seinen Worten leuchtende, detaillierte Bilder herauf, die man ihm aufgrund der relativen Schlichtheit nicht zutrauen würde. Man liest und liest und plötzlich fragt man sich: „Wow, wo nimmt er das bloß her? Diese Intensität…! Diese Farben…!“

Wobei: An manchen Stellen hätte es auch etwas weniger von dieser tollen Sprache getan. Ich stehe beispielsweise nicht so sehr darauf, eine detaillierte Beschreibung des Toilettenganges zu lesen, um nur eines von mehreren Beispielen zu nennen. Aber das ist letztendlich wohl Geschmackssache. Ich bin in diesem Punkt eher prüde und verzichte mit Freuden auf detailliertere Angaben, die im Deutschen meist ohnehin eher eigenartig klingen. Finde ich zumindest.

Im Großen und Ganzen ist „Reisen im Skriptorium“ also ein eher durchwachsenes Lesevergnügen, das ich nur Paul-Auster-Fans bedenkenlos ans Herz legen kann. Diejenigen, die in sein Werk hineinschnuppern möchten, sind mit seinen anderen Romanen weitaus besser beraten.

 

Paul Auster: Reisen im Skriptorium. Rowohlt, Reinbek 2008. 173 Seiten, Taschenbuch, 8,90€.

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