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Underground New York Public Library

Drei bis vier Mal pro Woche pendle ich nach Frankfurt am Main. Das bedeutet im Klartext: Ich sitze jede Woche sechs bis acht Stunden im Zug, um zur Uni und anschließend wieder nach Hause zu gondeln. Wenn es schlecht läuft und die Deutsche Bahn ihrem miesen Ruf alle Ehre macht, sind es manchmal sogar zehn. Was okay ist. Über die Verspätungen ärgere ich mich zwar und ja, manchmal würde ich lieber unmittelbar neben dem Campus wohnen. Aber im Großen und Ganzen bin ich froh, dass ich so viel unterwegs bin. Denn ich hätte, wenn ich in der Nähe der Universität wohnen würde, zwar mehr „echte“ Freizeit, die ich theoretisch ebenso gut fürs Lesen verwenden könnte. Die Erfahrung hat mir jedoch gezeigt, dass ich diese „echte“ Freizeit häufig in andere Dinge investiere und Freitag, Samstag und Sonntag die leseärmsten Tage der Woche sind.

Ich bin daher bekennende Bahn-Leserin. Für mich gibt es nur wenige Orte, die sich so gut zum Lesen eignen wie ein überfüllter Regionalexpress in den frühen Abendstunden. Komisch? Vielleicht. Doch wenn man sich in den Zügen umschaut, sieht man, dass die Zeit im Zug auch für andere Menschen wertvolle Lesezeit darstellt. MP3-Player und Handys mögen vielleicht beliebter sein. Aber dafür dass das Bücherlesen eigentlich „out“ sein soll, erfreut es sich unter Bahnreisenden nach wie vor großer Beliebtheit. Ein Abteil ohne mindestens ein, zwei Leser ist nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel.

Neugierig, wie ich bin, interessiert mich natürlich brennend, welche Bücher diese ein, zwei Leser in Händen halten. Sofern ich in ihrer Nähe sitze, verrenke ich mir den Hals und versuche einen Blick auf das Cover zu erhaschen. Der erste Blick reicht meist schon aus und ich weiß Bescheid oder möchte es zumindest nicht mehr ganz so dringend wissen. Manchmal lese ich aber auch ein bisschen über die Schulter hinweg mit, obwohl ich selbst es wie die Pest hasse, wenn das mal jemand bei mir macht.  Und trotzdem kann ich nicht damit aufhören. Es ist wie eine Sucht.

In der Underground New York Public Library werden lesende Reisende potraitiert

Wahrscheinlich gefällt mir daher auch die Underground New York Public Library. In dieser „visual library“ sammelt die Künstlerin Ourit Ben-Haïm seit 2008 ihre Fotografien der „Reading-Riders of the NYC subways“. Auf ihren Beutezügen in der New Yorker Subway fotografiert sie regelmäßig die lesenden Mitreisenden und veröffentlicht die Ergebnisse (inkl. Buchtitel) dann von Montag bis Freitag auf ihrem Tumblr.
Das Besondere an den Bildern ist, dass es sich nicht um klassische Portraits handelt und die Menschen ihre Bücher folglich nicht grinsend in die Kamera halten. Ben-Haïm fotografiert ihre Mitreisenden während des Lesens und daher auch ohne sie vorüber darüber zu informieren. Auf diese Weise entstehen interessante Momentaufnahmen, die vor allem von ihrer Individualität leben. Obwohl das Motiv „Mensch mit Buch“ stets beibehalten wird, hat man daher selten das Gefühl etwas schon einmal gesehen zu haben.

Eine Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen

Spannend finde ich auch die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen. Ob es anderen genauso ergeht, weiß ich zwar nicht. Aber ich habe ein ziemlich genaues Bild davon, wer welche Bücher liest. Ich kann nicht einmal etwas dagegen tun; es ist einfach so, dass manche Bevölkerungsgruppen in meinem Kopf auf gewisse Genres abonniert sind. Die Fotos lösen daher natürlich regelmäßig großes Erstaunen aus. „Wie jetzt? Der/Die liest das? Hätte ich nicht gedacht“, schoss es mir mehr als einmal beim Betrachten der Fotos durch den Kopf.

Deutsche werden sich wahrscheinlich darüber wundern, dass das Projekt überhaupt existiert. Schließlich ist es hierzulande verboten, Menschen ohne ihr Einverständnis zu fotografieren und diese Fotos dann auch noch online zu stellen. In den Vereinigten Staaten von Amerika scheint das jedoch anders zu sein, sodass Ben-Haïm beim Fotografieren und Veröffentlichen der Fotos keine Gesetze bricht. Die gegenwärtigen Regeln schränken lediglich die Nutzung der Fotos ein, was wohl auch der Grund ist, weshalb amerikanische Fotografen das Genre der Straßenfotografie dominieren.

Aber genug der Vorreden: Wenn ihr keine Bedenken gegen das kommentarlose Ablichten von Passanten habt, könnt ihr der Underground New York Public Library ja mal einen Besuch abstatten. Und wer weiß?! Vielleicht könnt ihr euch ja ebenso sehr für sie begeistern wie meine Wenigkeit.

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