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Die Entbehrlichen

Was ist der Wert eines Menschenlebens? Diese Frage gibt die Dystopie Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist ihren Lesern nach der Lektüre mit auf den Weg. Ist es die Leistung des Menschen? Sein Wissen? Oder vielleicht sogar sein Aussehen? Im Schweden der Zukunft, das Holmqvist in ihrem Roman darstellt, hat die Gesellschaft auf diese Frage eine eindeutige Antwort gefunden: Der Wert eines Menschen bemisst sich darin, wie viel er zum Erhalt und Fortbestand der Gesellschaft beiträgt.

Jeder muss seinen Teil beitragen, indem er Kinder bekommt oder wenigstens einen gesellschaftlich relevanten Beruf ergreift. Wer dieser Verpflichtung nicht nachkommt, zählt nach seinem 50. Geburtstag zu den Entbehrlichen und muss daher seinen Körper der Gemeinschaft spenden. So wie die Protagonistin Dorrit beispielsweise. Sie ist zu Beginn des 50 Jahre alt, alleinstehend und kinderlos. Da auf Grund ihres Alters nicht zu erwarten ist, dass sie noch Kinder bekommen wird, muss sie ihr bisheriges Leben aufgeben und wie alle anderen Entbehrlichen in ein Sanatorium ziehen, um dort auf ihren Aufruf zur Endspende zu warten. Wie viel Zeit Dorrit bis dahin bleibt, ist unklar. Es könnten Monate oder sogar Jahre sein. Sicher ist nur, dass die Endspende sie schließlich töten wird. Denn im Rahmen dieses Eingriffs werden Dorrit lebenswichtige Organe entnommen werden, die ein Benötigter, also ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, dringend braucht.

Die Entbehrlichen sind menschliche Ersatzteillager

 

Die Endspende ist jedoch nicht der einzige Lebenszweck eines Entbehrlichen. Während Dorrit auf ihr Ende wartet, muss sie sich als Proband für Studien und Versuche zur Verfügung stellen und erste weniger wichtige Körperteile spenden. Die Zeit, die ihr neben den Untersuchungen bleibt, steht jedoch zu ihrer freien Verfügung und gibt ihr die Möglichkeit, die Annehmlichkeiten des Sanatoriums auszukosten. Da die Bewohner eine wichtige Ressource sind, kümmert sich der schwedische Staat gut um sie und bietet ihnen viel Zerstreuung in Form von Kino, Theater oder einer Bibliothek. Dorrit selbst begrüßt das Sportangebot und die Möglichkeit, ihrem Hobby, dem Schreiben, nachzugehen. Vor allem genießt sie jedoch die junge Liebe zu einem anderen Bewohner des Sanatoriums.

 

Freud und Leid liegen in Dorrits neuem Leben daher nah beieinander. Wie Ninni Holmqvist diesen Zwiespalt beschreibt, ist meines Erachtens eine der größten Stärken dieses Romans. Während in anderen Dystopien Leid und Angst den Ton angeben, gibt es in Die Entbehrlichen auch einige Momente des Glücks und der Leichtigkeit. Doch nicht nur das: Im Sanatorium begegnet einem als Leser sogar fast so etwas wie Normalität und Alltag. Da alle im selben Boot sitzen und die Endspende in unbestimmter Ferne liegt, leben seine Bewohner trotz der Tests und Spenden sehr entspannt in den Tag hinein. Dorrit gelingt es häufig sogar, ihr Los einfach zu verdrängen, bis schließlich doch wieder Verzweiflung und Wut in ihr aufkeimen und sie mit ihrem Schicksal zu hadern beginnt. Hin und wieder fahren ihre Gefühle für meinen Geschmack zu viel Achterbahn. Aber im Großen und Ganzen meistert Die Entbehrlichen den Spagat zwischen gegensätzlichen Gefühlen gekonnt und mit viel Feingefühl.

 

Das zweite große Plus der Entbehrlichen ist das Szenario, das Holmqvist für ihren Roman ersonnen hat. Obwohl die Idee überspitzt präsentiert wird, so ist der Gedanke, dass ein Individuum der Gesellschaft, in der er lebt, etwas zurückgeben und nützlich sein muss, auch in deutschen Kommentarspalten immer wieder präsent. Der Nutzen wird in diesem Fall nur nicht an der Zahl der Kinder, sondern an den gezahlten Steuern oder geleisteter Arbeit festgemacht. Diese Parallele verleiht den Entbehrlichen eine erstaunliche Aktualität und macht den Roman zu einer beklemmenden Lektüre. Denn das so ein System hier bei uns entstehen könnte, erscheint vor diesem Hintergrund nicht völlig abwegig.

Eine interessante Dystopie mit kleineren Schwächen

 

Leider ist der Roman trotzdem nicht rundum gelungen. Die Entbehrlichen lebt in erster Linie davon, dass sowohl Dorrit als auch ich als Leser wissen, dass jeden Moment ihr Ende eingeläutet werden kann. Durch den Plot selbst kommt dagegen kaum Spannung auf. Sogar als Dorrit kurzzeitig die Möglichkeit hat, der Endspende zu entkommen, nimmt die Handlung kaum an Fahrt auf. Der Autorin scheint es in erster Linie darum zu gehen, das Leben im Sanatorium zu beschreiben und uns ihre Zukunftsvision näher zu bringen. Das ist zwar auch nicht uninteressant, genügt aber nicht, um mich als Leser knapp 300 Seiten lang bei der Stange zu halten. Ein roter Faden in Gestalt einer durchgehenden Handlung hätte mir daher gut gefallen.

 

Was ich ebenfalls schmerzlich vermisst habe, war eine Charakterentwicklung. Dorrits Gefühlsleben mag zwar gut beschrieben sein, aber abgesehen vom Wechselbad der Gefühle, das sie durchlebt, tut sich nicht viel mit ihr. Am Ende des Buches ist sie meines Erachtens immer noch dieselbe Dorrit wie zu Anfang, eine Tatsache, die angesichts der Umstände völlig unwahrscheinlich ist. Wer erlebt, was die Entbehrlichen im Sanatorium erleben, kann nicht unverändert daraus hervorgekommen. Selbst im Alter von 50 Jahren als gereifte Persönlichkeit.

Fazit

 

Trotz dieser Schwächen ist Die Entbehrlichen ein spannender und zugleich beklemmender Roman, der sich gut weglesen lässt. Die Idee, das Kinderlose der Gesellschaft etwas zurückgeben müssen, macht vieles wett und regt wegen ihrer Aktualität zum Nachdenken an. Die Hauptperson Dorrit ist ein weiterer Grund, Die Entbehrlichen eine Chance zu geben. Kinderlose ledige Protagonistinnen um die 50 gibt es viel zu wenig – und in Dystopien, die meist von jungen Charakteren bevölkert werden, sowieso. Also wenn euch Die Entbehrlichen zwischen die Finger kommen, greift guten Gewissens zu. Ein paar Stündchen Lesespaß sind euch sicher!

Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen. Fischer, Berlin 2011. 272 Seiten, Taschenbuch, 9,95€.

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