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Casting JonBenet

Am 26. Dezember 1996 wurde die Kinder-Schönheitskönigin JonBenét Ramsey tot in ihrem Elternhaus im amerikanischen Boulder aufgefunden. Zwei Stunden nachdem die Eltern ihre Tochter bei der Polizei als vermisst gemeldet hatten, entdeckte der Vater ihre Leiche erdrosselt und mit gebrochenem Schädel im Keller. Die Gerichtsmedizin stellte später außerdem Verletzungen im Intimbereich fest. Das öffentliche Interesse an dem Fall war folglich riesig. JonBenets Mörder konnte trotzdem nie gefasst werden. Auch 20 Jahre später liegen die Identität des Täters sowie dessen Motiv im Dunkeln.

Der Mord an JonBenet bewegt bis heute die Gemüter. Allein in 2016 erschienen zwei Dokumentationen und ein Buch, die sich mit dem Fall auseinandersetzen. Mit Casting JonBenet legt die australische Regisseurin Kitty Green nun die erste Dokumentation diesen Jahres vor. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern interessiert sich Green jedoch nicht so sehr für den Fall an sich. Sie versucht in Casting JonBenet zu ergründen, welche Auswirkungen der ungelöste Mord an der Kinder-Schönheitskönigin auf die Menschen in Boulder bis heute hat.

Der Mordfall JonBenét bewegt die Menschen in Amerika bis heute

Um dieser Frage nachzugehen, führt Green Interviews mit den Laienschauspielern, die für die Rollen in ihrer Dokumentation vorsprechen. Sie sollen sich in ihre Rolle und die Situation einfühlen: Was glauben sie: Wer hat das Mädchen ermordet und was war sein Motiv? Die Laiendarsteller, die aus JonBenéts Heimatstadt beziehungsweise deren Umgebung stammen, lassen sich in den Interviews zu Spekulationen hinreißen. Nach und nach erfahren wir auf diese Weise von den verschiedenen Theorien, die im Fall JonBenét im Umlauf sind.

Welche dieser Theorien am wahrscheinlichsten ist, erfährt der Zuschauer nicht. Fakt und Fiktion stehen unkommentiert nebeneinander. Als Dokumentation über den Fall ist Casting JonBenet daher relativ wertlos. Greens Film zeigt jedoch eindrucksvoll, wie sich aus Informationen und Falschmeldungen eigenständige Narrative entwickeln, denen die Menschen auch Jahre später noch anhängen. Auch wie persönliche Erfahrungen unsere Wahrnehmung und die Beurteilung von Informationen beeinflussen, lässt sich in Casting JonBenet gut nachvollziehen. In ihren Interviews beziehen sich die Schauspieler immer wieder auf ihre eigenen Erfahrungen und begründen mit ihrer Hilfe die Vermutungen, die sie anstellen. Eine Frau, die für die Rolle von JonBenéts Mutter vorspricht, kann sich beispielsweise gut vorstellen, dass Patsy Ramsey ihre Tochter im Affekt versehentlich umgebracht hat, da sie selbst in der Vergangenheit schon einmal wegen ihres Kindes völlig aus der Haut gefahren sei.

Casting Jon Benet – Eine moralisch nicht unproblematische Dokumentation

Dass die Laiendarsteller ihre Verdächtigungen ungefiltert äußern können, ist jedoch nicht ohne Probleme. Während man die Behauptung, dass Patsy Ramseys Eierstockkrebs ein Indiz für ihre Täterschaft sei, leicht als ausgemachten Unsinn identifzieren kann, ist das bei anderen Äußerungen nicht ganz so einfach festzustellen. Wahrscheinlich unschuldige Personen werden aus Lust an der Spekulation als mögliche Täter präsentiert. Auch wenn klar ist, dass die Interviewten nur ihre persönliche Meinung kundtun – es ist schwierig und moralisch fragwürdig, dass solche Behauptungen unkommentiert in den Raum gestellt werden. Denn wie heißt es so schön: Irgendwas bleibt immer hängen. Vor allem wenn Fakten und Fiktion so munter vermischt werden wie in Casting JonBenet.

Was auch nicht vergessen werden darf: Die Familie Ramsey ist nicht mit JonBenét gestorben. Sie muss Jahr für Jahr miterleben, wie der Mord an ihrer Tochter beziehungsweise Schwester in Dokumentationen wie dieser ausgeschlachtet wird. Obwohl die Ramseys seit 2008 nicht mehr als Verdächtige gelten, erscheinen sie in Kitty Greens Film durch den Anteil der Darsteller, die ein Familienmitglied für den Mörder halten, wie die Hauptverdächtigen in dem Fall. Es lässt sich nur erahnen, welche Auswirkungen diese und andere Darstellungen auf die Familie und ihre Trauerarbeit haben.

Obwohl Casting JonBenet als soziales Experiment nicht uninteressant ist, bleibt daher die eine entscheidende Frage: Muss das sein? Und: Sollte man sich sowas überhaupt anschauen? Ich finde nein.

 

Casting JonBenet wurde am 28. April 2017 beim Streamingdienst Netflix veröffentlicht. Länge: 80 Minuten. Regie: Kitty Green.

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