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Die Frauen der Nazis

„Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie, und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Volk Kinder zu schenken.“ Mit diesem Satz umriss der Reichspropaganda Joseph Goebbels 1933 die Rolle der Frau im Nationalsozialismus. Den Frauen, die dieser „Aufgabe“ besonders gut nachkamen, verlieh das Dritte Reich ab 1939 das Ehrenkreuz der Mutter. Während Männer mit dem Eisernen Kreuz für militärische Leistungen ausgezeichnet wurden, sollten Frauen auf diese Weise „für ihren Einsatz von ‚Leib und Leben‘ bei der Geburt und Kinderaufzucht ausgezeichnet“ werden.

Zuhause hinterm Herd, umgeben von einer blonden Kinderschar – so stellte sich die Nationalsozialisten die ideale deutsche Frau zwar vor. Doch ausgerechnet die Frauen und Freundinnen der NS-Elite sollen diesem Bild nicht so recht entsprochen haben. Das behauptet zumindest die Autorin Anna M. Sigmund in ihrem Sachbuch Die Frauen der Nazis. Beweisen will sie diese These durch kurze Portraits verschiedener Frauen aus dem inneren Zirkel der NSDAP. Auf jeweils 20 bis 40 Seiten stellt Sigmund den Werdegang dieser Frauen dar. Den Schwerpunkt legt sie dabei meist auf die Beziehung zu ihren Partnern beziehungsweise zu Adolf Hitler.

Acht Frauen, ein Buch

Die insgesamt acht Kurzbiographien lesen sich locker weg. Sie sind kurzweilig geschrieben und geben einen interessanten ersten Einblick in das Leben dieser Frauen, die trotz ihrer Nähe zur NS-Führungsriege oft nur eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern sind. Besonders gelungen fand ich die Portraits von Emmy Göring, Hermann Görings zweiter Frau, und der weniger bekannten Gertrud Scholtz-Klink. Letztere verkörpert den Widerspruch zwischen dem NS-Frauenbild und der Realität mit am besten.

In den meisten anderen Portraits tut sich Anna Sigmund jedoch schwer damit, die angebliche Kluft zwischen Wirklichkeit und Ideal herauszuarbeiten. Mit Ausnahme von Leni Riefenstahl und Gertrud Scholtz-Klink ging keine der Frauen einem Beruf nach. Emmy Göring, die als junge Frau als Schauspielerin tätig gewesen ist, hat ihren Beruf auf Wunsch ihres Mannes sogar an den Nagel gehängt. Die Frauen der NS-Elite übernahmen – wenn überhaupt – nur repräsentative Aufgaben im Staat. Auch fügten sie sich den Anordnungen Hitlers, wenn dieser beispielsweise das Ende ehelicher Streitigkeiten wünschte. Wie Sigmund darin einen Widerspruch zwischen Rollenbild und Realität sehen kann, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Allein die Tatsache, dass die meisten dieser Frauen nur wenige Kinder bekamen, ist meines Erachtens keine ausreichende Grundlage für diese These.

Ein kurzweiliges Lesevergnügen mit Schwächen

Was mich auch stutzen ließ, war die Art der Quellen, die Sigmund für Die Frauen der Nazis verwendet hat. Auf 219 Seiten Text kommen 18 Seiten Anmerkungen und Quellenangaben. Die meisten davon verweisen auf direkte Zitate der NS-Elite. Sigmund lässt die Nazis und ihre Frauen also weitestgehend für sich selbst sprechen, was nicht unproblematisch ist, wie sich im Fall Leni Riefenstahl zeigt. Sigmund zitiert im Riefenstahl-Kapitel, als sie auf deren Beziehung zu Hitler zu sprechen kommt, nämlich vor allem aus Riefenstahls 1987 erschienen Memoiren. Ob diese Erinnerungen als Quelle 100%-ig glaubwürdig sind, ist fragwürdig. Schließlich galt es für Riefenstahl an ihrem Bild für die Nachwelt zu arbeiten. Ich hätte mir daher für das Buch verlässlichere Quellen oder wenigstens eine bessere Einordnung der Zitate gewünscht.

Am enttäuschendsten fand ich jedoch, dass Die Frauen der Nazis die eine sich aufdrängende Frage nicht stellt: Wieso haben diese Frauen ihr Leben dem Nationalsozialismus Adolf Hitler gewidmet? Sigmund beschreibt die Frauen meist als schön, intelligent und ehrgeizig. Was hat sie also dazu getrieben, sich menschenverachtenden Verbrechern anzuschließen. Geld? Liebe? Sympathie für die Ideologie? Die Antworten auf diese Frage bleibt Anna Sigmund in Die Frauen der Nazis leider schuldig.

Fazit

Die acht Kurzbiographien sind dennoch eine spannende Lektüre und bieten dem Leser einen interessanten ersten Einblick in das Leben der Frauen an der Seite führender Nationalsozialisten. Als Einstieg in das Thema ist Die Frauen der Nazis sicher nicht verkehrt.

Anna M. Sigmund: Die Frauen der Nazis. Ueberreuter, Wien 1998. 240 Seiten, gebundene Ausgabe.
Die gebundene Ausgabe ist vergriffen. Im Heyne Verlag erschien 2013 das Taschenbuch, das für 9,99€ zu kaufen ist.

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